Definitionen einiger wichtigsten Fachbegriffe
nach
Glück, Helmut (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 2. Aufl. Stuttgart [u.a.] 2000.
* Homberger, Dietrich: Sachwörterbuch zur Sprachwissenschaft, Stuttgart 2003.
Die Angaben der genannten Handbücher werden in folgenden Auszügen nur in Auswahl skizziert;
für die vollständigen Informationen sind die Werke selbst heranzuziehen.
Assimilation
Assimilationskette
Bedeutung
Bedeutungsentlehnung
Bedeutungserweiterung
Bedeutungsübertragung
Bedeutungsverbesserung
Bedeutungsverengung
Bedeutungsverschlechterung
Bedeutungsverschmelzung
Bedeutungswandel
Dissimilation
Distinktiv
Erbwortschatz
Etymologie
Extension, extensional
historische Grammatik
historische Semantik
historische Sprachwissenschaft
historisch vergleichende Sprachwissenschaft
Hyperonym
Hyponym
Intension
Lehnbedeutung
Lehnbildung
Lehngut
Lehnpräfix
Lehnprägung
Lehnschöpfung
Lehnsuffix
Lehnübersetzung
Lehnübertragung
Lehnwort
Lehnwortbildung
Lehnwortschatz
Sem
Semantem
Semantik
semantische Relation
semantischer Prozess
semantisches Merkmal
semantisches Feld
Semasiologie
Semem
Volksetymologie
Wortfamilie
wortfeld
Wortschatz
^
Assimilation Beisp.
(lat. assimilis ›sehr ähnlich‹ Auch: Akkomodation,
Angleichung) Lautwandelprozeß/-ergebnis bzw. phonolog.
Prozeß (bzw. dessen Ergebnis) der Angleichung
zwischen Lautsegmenten in einer Sequenz bezügl.
eines oder mehrerer Merkmale (meist im Sinne
artikulator. Vereinfachung; ð Koartikulation). Man
unterscheidet: (nach Richtung der Angleichung) progressive
A. bei angeglichenem Folgelaut (z.B. mhd.
zimber > nhd. Zimmer), regressive A. bei Angleichung
an den Folgelaut (dt. /fynf/ umgangssprachl.
[fymf]) und reziproke A. bei Ersetzung beider Laute
durch einen durch gegenseitige Anpassung unterschiedl.
Ausgangsmerkmale entstandenen Laut (z.B.
ahd. fisk > mhd. visch); (nach Merkmalsübereinstimmung):
totale A., d.h. Produkt der A. gleich dem auslösenden
Laut vs. partielle A.; (bezügl. der sequentiellen
Nähe der beteiligten Segmente): Kontakt-A.
bei benachbarten Lauten, Fern-A. bei nichtbenachbarten (
z.B. ahd. ð Umlaut wie in ahd. *gasti > gesti
(Pl. von gast). PM
^
Assimilationskette
Folge von ð Assimilationen zwischen Vokalen der
Haupttonsilbe und der Endsilbe, die sich an lautphysiolog.
Gegebenheiten, an bestimmten Artikulationspositionen (
obere, hintere, mittlere Laute) und an den
Akzententwicklungen, insbes. an den jeweiligen Akzentverhältnissen
zwischen den betroffenen Silben,
orientiert. Es korrespondieren dabei jeweils phasenweise
Kontakt- und Fernassimilationen: einer Kontaktassimilation
e/i > î (idg. *deikonom > germ.
*tîhan) entspricht eine Fernassimilation e > i vor i
(germ. *nemiz > westgerm. *nimiz); eine Gegenbewegung
aus demselben Prinzip führt zu i > e vor a, e,
o der Folgesilbe (idg. *viros > germ. *wiraz > westgerm. *
weraz). In diese Folge stellt sich auch der ahd.
i-Umlaut: Auch hier folgt einer gleichgeordneten
Kontaktassimilation (westgerm. *stains > ahd. stein)
die entsprechende Fernassimilation (westgerm.
*gastiz > ahd. gesti). Diese gesetzhafte Assimilationskette
liefert auch eine Erklärungsbasis für spätere
fernassimilator. Umlautfälle, bei denen nicht i, sondern
e in der Endsilbe erscheint wie bei ahd. hôren >
mhd. hœren oder ahd. wânen > mhd. wænen. Damit
lassen sich auch Umlaute in Wörtern phonet. erklären,
die erst in mhd. Zeit ins Dt. gelangt waren, wie
ketzer < lat. catharus oder mhd. korper/körper < lat.
corpus.
& Lit. G. Schweikle, Germ.-dt. Sprachgeschichte.
Stgt. 31990, § 16. SE
^
Bedeutung
(engl. meaning, frz. signification, sens) Zentraler Begriff
der ð Semiotik, da ð Zeichen durch ihre B. definiert
sind: Alles sinnl. Wahrnehmbare kann ein ð
Zeichenausdruck sein, sofern es für Interaktanten
etwas anderes, i.d.R. nicht unmittelbar Gegebenes repräsentiert.
Aus den unterschiedl. Modi und der Komplexität
dieser Repräsentation ergibt sich der große
Facettenreichtum des B.-Begriffs (vgl. C.K. Ogden &
I.A. Richards), der noch durch die strukturelle Polysemie
von Bedeutung vermehrt wird: In allen sachbezogenen
Spielarten begegnen Objekt- und Relations-Lesarten,
darüber hinaus auch Funktions-Lesarten
von ›B.‹.
1. Entsprechend den Zeichentypen ð Index (1), ð
Ikon und ð Symbol (2) läßt sich zwischen indexikal.
(auf ð Kontiguität beruhender), ikon. (abbildhafter)
und symbol. (konventionell-arbiträrer) B. unterscheiden.
Zwar ist für ð Sprachzeichen wegen ihrer von F.
de Saussure konstatierten ð Arbitrarität die symbol.
B. kennzeichnend, doch haben Sprachzeichen aller
Ebenen auch indexikal. und ikon. B. Indexikal. sind
z.B. ihre symptomat. ð Konnotationen (2) (hinsichtl.
Herkunft, Bildung, Einstellungen, Seelenzustand usw.
des Sprechers) sowie die »deikt. B.« der Pronomina
und vieler Adverbien (ð Deixis). Ikon. B. haben
Texte, die symbol. dargestellte Sachverhalte auch
substantiell (z.B. phon. oder zeitl.) oder kompositionell (»
diagrammat.«) abbilden. Nicht alle, aber doch
sehr viele indexikal. und ikon. B. verbaler Äußerungen
beruhen auf habituellen Zuordnungen, auf indexikal.
oder ikon. Potenzen oder speziellen Zeichen (z.B.
ð Interjektionen, ð Onomatopoetika) des Sprachsystems (
ð Ikonismus 1) und unterliegen deshalb ähnl.
Interpretationsprozessen, wie dies für die dominante
symbol. B. gilt.
2. Die ling. ð Semantik beschäftigt sich vorwiegend
mit der symbol. B. von sprachl. Einheiten im Spannungsfeld
zwischen virtueller System-B. und aktueller
ð Äußerungsbedeutung. Die Einheiten und Regeln
des Sprachsystems stellen abstrakte Bedeutungspotentiale
bereit, die in der kommunikativen Aktualisierung
beschränkt, gewichtet und angereichert werden.
Geht man bei den virtuellen Einheiten zunächst von
ð Wortformen aus, so ist zu unterscheiden zwischen
deren »lexikal.« und »grammat. B.«, die sich oft, aber
nicht immer auf unterschiedl. ð Morpheme verteilen,
z.B. leg-t-e vs. gab.
2.1. Die einzelsprachl. System-B. forminvarianter ð
Lexeme, einschl. ð Eigennamen, ð Komposita, ð
Ableitungen und ð Phraseolexemen, wurde in der
traditionellen Ling. differenziert untersucht, und zwar
v.a. im Hinblick auf ð Inhaltswörter mit »deskriptiver
B.« (Subst., Vb., Adj. und Adv.); die übrigen
Wortarten haben ausschl. oder überwiegend expressive,
deikt. oder grammat.-funktionale (»synkategoremat.«)
B. Die Lexem-B. läßt sich grob gliedern in: (a)
begriffl. »denotative B.« (ð Denotation 4), (b) enzyklopäd.,
wertende und symptomat. »konnotative B.«
(ð Konnotation (2), ð Gefühlswert, ð Nebensinn),
(c) Wortbildungs-B., (d) »kategoriale B.«, (e) semant.
Kotextregeln. (a) Selbst im engen Bereich der denotativen
Wortsemantik ist die Spannweite der Verwendung
des Terminus ›B.‹ erstaunl. groß: Außer dem
Zeichenausdruck wurden alle an der ð Semiose beteiligten
Faktoren oder Relationen so bezeichnet. Zu
deren Differenzierung sind deshalb präzisere Begriffe
vonnöten; im einzelnen: (a1) ð Denotate (von einer
naiven »Referenztheorie«, aber auch von G. Frege als
›B.‹, danach oft als ð Referent bezeichnet) sind die
vom Lexem bezeichneten ›Gegenstände‹ (auch u.a.
Prozesse, Zustände, Sachverhalte), deren Klasse das
(a2) ð Designat bildet. Dieses ist die ›B.‹ in einer
weniger naiven Referenztheorie, die die Möglichkeit
leerer Klassen (perpetuum mobile) in Rechnung
stellt; es wird als ð Extension eines log. Begriffs
oder mentalen Konzepts (traditionell: »Vorstellung«),
ggf. eines durch Eigennamen bezeichneten Individualkonzepts
definiert. (a3) Häufiger wird die
klassenbildende ð Intension (Frege: ð Sinn (1); L.
Hjelmslev: ð Inhalt) von ð Appellativa als B. benannt
und dabei ebenfalls entweder begriffl. objektiv
oder als mentale Repräsentation aufgefaßt; letzteres
u.a. von F. de Saussure, der das »concept« (Vorstellung)
als ð Signifikat bezeichnet und als Teil des
somit ð bilateralen einzelsprachl. Zeichens bestimmt.
Da Extensionen von Eigennamen grundsätzl. nicht intensional
bestimmt sind, sollte man (im Gegensatz zu
Frege oder B. Russell) konventionell assoziierte Eigenschaften
von Namenträgern allenfalls zu den Konnotationen (
2) rechnen. Diese werden jedoch zu Intensionen
im Falle einer ð Appellativierung im Text,
z.B. Er ist ein Casanova, oder im Wortschatz, z.B.
Diesel, Rittberger. (a4) Das Signifikat ist in Anbetracht
der fast durchgängigen ð Mehrdeutigkeit natürl.
Sprachzeichen als »Gesamtbedeutung« aufzufassen,
die sich in ð Sememe (3), d.h. Teilbedeutungen
gliedert, welche den oben genannten Intensionen entsprechen
und unterschiedl. Designate konstituieren.
Traditionell werden die Sememe entweder log.-synchron
in »Haupt-, Neben- und ggf. Sonderbedeutungen«,
in »eigentl.« und »übertragene B.« oder histor.
in (»etymolog.«) »Grundbedeutung« und »abgeleitete
B.« unterschieden. (a5) Die ð strukturelle Semantik
analysiert die zunächst ganzheitl. (»holist.«) gedachten
Signifikate oder Sememe in ð semantische
Merkmale, definiert also B. als Merkmalskonfiguration;
je nach dem theoret. Ansatz sind die Merkmale
entweder als einzelsprachl. ð Seme oder als konzeptuelle
ð Noeme bzw. ð Komponenten gedacht. (a6)
De Saussure benennt die Relation zwischen ð Signifikant (
Zeichenausdruck) und Signifikat als »signification« (
ð Signifikation); entsprechend definiert S.
Ullmann ›B.‹ als Beziehung zwischen »Name« und
»Sinn«. (a7) Demgegenüber bezeichnet de Saussure
die paradigmat. Relationen eines Lexems als seinen
»Wert« (valeur), der seine Signifikation begrenzt,
eine Auffassung, die von J. Trier in seiner ð Wortfeldtheorie
wieder aufgenommen wurde. Auch J.
Lyons beschreibt den Sinn (2) von Lexemen als paradigmat. »
Sinnrelationen«. (a8) Von Ch. S. Peirce
wird B. als ð Interpretant bestimmt, d.h. als emotionale,
aktionale oder kognitive Wirkung im Bewußtsein
des Interpreten. Ch. W. Morris (21955), dessen
behaviorist. Theorie zwar auch den Begriff Signifikation
enthält und unterschiedl. ð Signifikationsmodi
unterscheidet, macht dennoch den Interpretanten, d.h.
die Disposition, auf ein Zeichen mit einem bestimmten
Verhalten zu reagieren, zum Kern seines B.-Begriffs. (
b) Die denotative B. wird von der strukturellen
Semantik als Bündel ð distinktiver Merkmale,
von der ð modelltheoretischen Semantik als Menge
notwendiger und hinreichender
Wahrheitsbedingungen aufgefaßt. Als distinktiv werden
aber auch konnotative Merkmale angesehen, soweit
sie zur Differenzierung denotativ synonymer Lexeme
dienen, z.B. bei Dame - Frau - Weib, Neurologe -
Nervenarzt, Großmutter - Oma. Durch Untersuchungen
der ð Prototypensemantik hat sich herausgestellt,
daß Teile des »enzyklopäd.« Wissens als
»charakterisierende« Default-Merkmale mit zur engeren
denotativen B. zu rechnen sind; so z.B. bei Vogel
das Merkmal [flugfähig], das zwar auf weniger typ.
Vögel wie Pinguine oder Strauße nicht zutrifft, aber
etwa die Bedeutung von Vogelperspektive fundiert.
Ob man dagegen Vogel-Eigenschaften wie [besitzt
Kropf] zum konnotativen »Nebensinn« (K.O. Erdmann)
oder einfach zum biolog. Wissen über Vögel
zählen soll, ist schwer zu entscheiden. Ähnl. problemat.
ist die Einordnung sachgebundener Wertungen
(»Gefühlswert«), z.B. von Gefängnis oder Kuß, während
etwa der konnotative Wert der lektal-stilist. Varianten
Knast oder Schmatz als sprachl. distinktiv gesichert
ist. (c) Ein Teil der denotativen B. der durch
WB gebildeten Lexeme ist i.d.R. strukturell bedingt
und führt zu Reihen von Ableitungen mit gleicher
»Ableitungsbedeutung«, z.B. bei den Subst. mit -er:
Agens (Schwimmer), Beruf (Schlosser), Werkzeug
(Bohrer) u.a., oder von ð Reihenbildungen bei den
Komposita, z.B. mit dem Merkmal [gemacht aus]:
Holzhaus, -bank, -tisch, Steinhaus, -bank usw. (d)
Unter »kategorialer« B. versteht man die ð WortartB.
von Lexemen (L. Bloomfield: »class meaning«),
soweit man eine solche akzeptiert. Da die klass. Zuordnungen
wie Subst. ð »Gegenstand«, Adj. ð »Eigenschaft«,
Vb. ð »Prozeß« so nicht haltbar sind (es
gibt eben Subst. wie Schönheit, Flug usw.), bestehen
zwei Möglichkeiten, an einer kategorialen B. festzuhalten:
Man definiert sie abstrakt-funktional, z.B. die
log. Argumentfunktion bei Subst., oder prototyp. geprägt
nach dem Muster »fokaler« Lexeme (J. Lyons)
wie Stein, Pferd, Kind bei den Subst. (e) Alle relationalen
Lexeme implizieren inhaltl. Beschränkungen für
die Argumente, über die sie prädiziert werden können:
X ist Tochter von Y impliziert in der Kernbedeutung
von Tochter: X und Y sind menschl. und X ist
eine Generation jünger als Y; X repariert Y impliziert:
X ist Mensch, Tier oder Roboter und Y ist ein
Artefakt und defekt. Es handelt sich bei diesen Kotextregeln
um die ð Selektionsmerkmale von J.J.
Katz (E. Coseriu: ð Lexikalische Solidaritäten), darüber
hinaus auch um lexikal. ð Präsuppositionen;
Sätze/Texte, die sie verletzen (Er schloß das verriegelte
Fenster), geben Anlaß zur Re-Interpretation.
Die genannten Implikationen sind teils empir. und
ggf. revidierbar, teils sprachl. fundiert: Daß Telefone
klingeln oder daß Subj. und Obj. von heiraten
notwendig verschiedenen Geschlechtes sind, ist inzwischen
durch die Wirklichkeit überholt; dagegen ist
z.B. die Differenz von schwanger und trächtig ([±
menschl.]) ausschließl. einzelsprachl. bedingt.
2.2. Schon im Kotext von »Systemsätzen« (Lyons),
um so mehr in den kontextuellen Bezügen kommunikativer
Äußerungen verändert sich i.d.R. die LexemB.
Die aktuelle ð Referenz wählt unter den designierten
Denotaten - oder auch nicht; bei ›uneigentl.‹ (z.B.
metaphor. oder iron.) Gebrauch steht die »referentielle
B.« außerhalb des Designats, z.B. Diese Ziege kann
immer nur rumtratschen! Entsprechend wandelt sich
das Signifikat zur ð aktuellen Bedeutung: Durch
Rückgriff auf sprachl. und konzeptuelles Wissen werden
in Die X putzt ihren Flügel die Wörter putzt und
Flügel ganz unterschiedl. monosemiert und spezifiziert
je nachdem, ob man als Subj. Sängerin, Amsel
oder Wespe einsetzt; zur Spezifizierung gehören u.a.
die Belegung offener Parameter (z.B. bei Tier-Flügel:
Größe, Farbe ...) sowie die Aktivierung von Konnotationen.
Oft wird das aktivierte Semem durch »Priorisierung« (
W. Abraham) und Ausblendung von Merkmalen
umstrukturiert zu einer (z.B. metaphor.) ð
»okkasionellen Bedeutung«, die durch Wiederholung
»usuell« (H. Paul) werden und damit das Signifikat
modifizieren kann. Man unterscheidet ferner nicht-figurative
Aktualisierungsmodi, u.a. die von der ma.
Sprachphilosophie suppositio genannten Arten der
metasprachl., ð generischen und »konkreten« Referenz:
Der Wal ist eine Nominalphrase / ein Säugetier /
im Watt gestrandet.
3. ð Satzbedeutung.
4. Die hochkomplexe B.-Struktur, die der Rezipient
eines Textes zu verstehen sucht, fällt nur teilweise in
den Forschungsbereich der Ling. Die ð Textlinguistik
untersucht u.a. (a) die Entfaltung von ð Textthemen
in propositionale ð Makrostrukturen nach themenspezif.
Mustern (ð narrativ, argumentativ (ð
Argumentation), explikativ), bis hinunter zu den Satzpropositionen,
ihren lokalen Verknüpfungen, ð Fokussierungen
und ihrer ð thematischen Progression;
(b) den durch ð Kohäsions-Mittel gesteuerten Aufbau
einer referentiellen »Textwelt«, deren inhaltl.
Ausgestaltung aus sprachl. B.en, konzeptuellen ð
Schemata und wissenbasierten ð Inferenzen schöpft;
(c) die Etablierung von ð Isotopien durch rekurrente
semant. Merkmale, mit i.d.R. bedeutungsvollen wechselseitigen (
u.a. komplementären, oppositiven, metaphor.)
Bezügen; (d) die Aktualisierung konnotativer
Potenzen von lexikal. und syntakt. Mitteln für unterschiedl.
stilist. Funktionen und Wirkungen; (e) die Erzeugung
der illokutiven ð Textfunktion aus referentiellen,
prädikativen und stilist. B.en, ggf. mittels
einer Struktur partieller oder subsidiärer Textillokutionen; (
f) die, ggf. krit. oder kreative, Nutzung der
Funktionen und Konnotationen von ð TextsortenMustern.
Diese Aufzählung textueller B.-Schichten ist
keineswegs erschöpfend und nennt insbesondere nicht
solche Ebenen des »Textsinns« (ð Sinn 6), für die ð
Textsemantik und Textpragmatik nicht zuständig
sind, u.a. »intertextuell« erzeugte B.en (ð Intertextualität)
wie etwa die Nutzung von Anspielungen, Zitaten
oder lit. Motiven.
& Lit. G. Frege, Über S. und Bedeutung. (1892) In:
Ders., Funktion, Begriff, Bedeutung. Göttingen
31969. - F. de Saussure, Cours. - K.O. Erdmann,
Die Bedeutung des Wortes. Lpz. 41925. - C.K.
Ogden & I.A. Richards, The Meaning of Meaning.
Ldn. 1923. - W. Abraham, Zur Ling. der Metapher.
Poetics 14, 1975, 133-172. - H. Putnam, Die B. von
»B.« Ffm. 1979. - Weitere Lit. ð Semantik, ð
Sinn. RB
^
Bedeutungsentlehnung Beisp.
Veränderung einer Lexembedeutung nach fremdsprachl.
Vorbild. Basis der Übernahme ist semant.
Ähnlichkeit zwischen Vorbild- und Ziellexem (z.B.
lat. baptizare, deus, sanctus, anima und vorahd.
daupjan, guð, hailags, seula); oft stimmen einige ð
Sememe oder Kollokationsmöglichkeiten überein
(z.B. engl. cut, underworld und dt. schneiden, Unterwelt);
oft sind auch die Ausdrücke ähnlich (z.B. engl.
ballad ›Erzählgedicht‹, realize ›verwirklichen, erkennen‹
und dt. Ballade ›Tanzlied‹, realisieren ›verwirklichen‹).
Als Ergebnis der B. wird entweder die alte
Bedeutung durch die neue ersetzt (wie in taufen, Gott,
heilig, Seele, Ballade) oder um ein neues Semem erweitert (
wie in realisieren ›erkennen‹, schneiden
›jdn. demonstrativ übersehe‹, Unterwelt ›kriminelles
Milieu‹); ð Bedeutungsübertragung (2), ð Bedeutungswandel,
ð Entlehnung. RB
^
Bedeutungserweiterung Beisp.
Ergebnis der Vergrößerung des ð Bedeutungsumfangs
eines Lexems.
1. Erweiterung der ð Extension eines ð Semems
durch Fortfall spezieller ð semantischer Merkmale (
ð semantische Generalisierung 1): z.B. drosseln (›erwürgen‹,
20. Jh. ›reduzieren‹), Tier (›vierfüßiges,
wildlebendes Lebewesen‹, ab 17. Jh. ›nicht-pflanzl.,
nicht-menschl. Lebewesen‹).
2. Vermehrung der Sememe eines Lexems: z.B. Horn
(ursprüngl. nur ›tier. Stirnauswuchs‹, dann auch
›Hornsubstanz‹, ›Trinkgefäß‹, ›Blasinstrument‹),
packen (16. Jh. ›Sachen gedrängt in Kiste u.ä. legen‹,
später ›fassen, ergreifen‹, ›seel. ergreifen‹, ›bewältigen‹, ›
begreifen‹); ð Bedeutungswandel, ð Bedeutungsverengung.
RB
^
Bedeutungsübertragung Beisp.
(Auch: Bedeutungsverschiebung) In der alten
»logisch-rhetorischen« Klassifikation
des Bedeutungswandels (vgl. Ullmann 1967,
188 ff.) Ergebnis der qualitativen Veränderung der ð
Extension eines Lexems/Semems durch ð Metapher,
ð Metonymie, Synästhesie (u.ä.), z.B. Nase (eines
Felsens), Kolben (›Nase‹), Blatt (Papier), einsehen
(›erkennen‹); Zunge (›Sprache‹), Wäsche (›waschbare
Kleidungsstücke‹), Erfrischung (›Getränk‹); kalt(es)
Grün). Die Beispiele zeigen, daß B. sehr oft zur Vermehrung
der ð Sememe, also zur Bedeutungserweiterung (
2) führt, nicht dagegen z.B. in: aushecken
(frühnhd. ›ausbrüten‹), auffallen (frühnhd. ›darauf
fallen‹), hänseln (frühnhd. ›in eine Hanse/Genossenschaft
aufnehmen‹). Die zur B. führenden semant.
Prozesse werden von Schippan (1975, 1992) als ð
»Bezeichnungsübertragung« zusammengefaßt.
2. Bei Schippan (1975, 1992; Ullmann 1967: »Sinnübertragung«)
prozessualer Terminus für die Übertragung
der Bedeutung eines Lexems auf ein im Ausdruck
oder Inhalt ähnliches (ð Volksetymologie, ð
Bedeutungsentlehnung) oder in fester Kollokation stehendes
Lexem (durch ð Ellipse: z.B. ein Helles
(Bier), die Elektrische (Bahn), (Karten) geben); ð
Bedeutungswandel. RB
^
Bedeutungsverbesserung Beisp.
(auch: Amelioration) Ergebnis der ð konnotativen
Aufwertung eines Lexems, sei es aufgrund ideolog./
gesellschaftl. Aufwertung des ð Designats: z.B. Arbeit (
mhd. ›Mühe, Kampfesnot‹, seit Luther: ›produktive
Tätigkeit zur Sicherung des Lebensunterhalts‹),
Ritter (›dienender Reiter‹), seit dem 12. Jh. adlige
Standesbez.), pfiffig (›betrügerisch schlau‹, 19. Jh.
›gewitzt‹), sei es aufgrund von Wertungsambivalenz:
z.B. Junggrammatiker (Spottwort Zarnckes, verwendet
als positive Selbstbez.), Racker (frühnhd. ›Schinder‹,
Schimpfwort, ab 18. Jh. Kosewort für Kinder),
toll (›töricht, verrückt‹, 18. Jh. ›erstaunlich‹, 19. Jh.
›großartig‹). Lexeme können auch durch ð Opposition
zu moderneren Lexemrivalen zum »gehobenen« ð
Synonym werden: z.B. Haupt (durch Kopf, mhd.
›Trinkschale‹), Antlitz (durch Gesicht, mhd. ›das
Sehen‹, ›Anblick‹); ð Bedeutungswandel, ð Bedeutungsverschlechterung.
RB
^
Bedeutungsverengung Beisp.
Ergebnis der Verringerung des ð Bedeutungsumfangs
eines Lexems:
1. Verengung der ð Extension eines ð Semems
durch Vermehrung seiner ð semantischen Merkmale
(»Spezialisierung«), z.B. fahren (mhd. jede Fortbewegung),
fegen (mhd. allg. ›reinigen‹, vgl. Fegefeuer),
Gift (mhd. ›Gabe‹), Hochzeit (mhd. jedes Fest),
Reue (ahd. jeder Seelenschmerz), Schirm (mhd.
›Schutz‹). Oft bleiben ältere, generelle Sememe neben
den spezielleren erhalten, z.B. in billig, Frucht, Glas,
Zug. <
br>
2. Fortfall von Sememen eines Lexems: z.B. artig
(bis 18. Jh. auch von Dingen: ›angenehm, angemessen‹;
bis 20. Jh. auch von Erwachsenen: ›höflich, anmutig‹;
heute nur von Kindern: ›brav‹; brav hat eine
ähnl. Geschichte); ð Bedeutungswandel, ð Bedeutungserweiterung.
RB
^
Bedeutungsverschlechterung Beisp.
Ergebnis der ð konnotativen Abwertung eines Lexems,
sei es aufgrund gesellschaftl. Abwertung des ð
Designats, z.B. aus aristokrat. Sicht: gemein (›allgemein‹,
18. Jh. ›niedrig (gesonnen)‹), aus demokrat.
Sicht: herablassend (›huldvoll‹, 19. Jh. ›arrogant‹),
aus reformator. Sicht: Pfaffe (mhd. neutral ›Priester‹);
sei es als Folge aufwertender/euphemist. (ð Euphemismus)
Verwendung: Propaganda (bis 1870:
›kirchl. Glaubenswerbung‹), Dirne (ahd. ›Jungfrau,
Mädchen‹). B. betrifft oft (teil-)synonyme (ð Synonymie)
Lexeme gleichermaßen (z.B. gemein/ordinär/
gewöhnlich) oder differenzierend (z.B. stinken/riechen/
duften: Rosen stinchant im Ahd., riechent im
Mhd., duften im Nhd.; Frau/Weib: Frau: mhd. ›Herrin‹
und ð meliorativ, nhd. zunehmend neutral;
Weib: mhd. neutral, nhd. zunehmend ð pejorativ); ð
Bedeutungswandel, ð Bedeutungsverbesserung. RB
^
Bedeutungsverschmelzung
Ergebnis der Beseitigung einer semant. Distinktion,
die mit dem Außer-Gebrauch-Kommen von Lexemen
einhergehen kann. Das klass. Beispiel in der dt. Wortgeschichte
ist die Aufgabe der Unterscheidung patrilinearer
und matrilinearer Verwandtschaftsbez.: mhd.
base vs. muome, veter vs. oeheim können seit dem
16. Jh. synonym gebraucht werden mit der Bedeutung
›Schwester‹ bzw. ›Bruder der Eltern‹; seit dem
18./19. Jh. werden sie durch die Lehnwörter Tante
und Onkel abgelöst. Im morpholog. Bereich ist die
Übernahme der Bedeutung des idg./germ. Dualis
durch den Plural ein Beispiel.
& Lit. R. Anttila, An Introduction to Historical and
Comparative Linguistics. N.Y., Ldn. 1972. - G. Ruipérez,
Die strukturelle Umschichtung der Verwandtschaftsbez.
im Dt. Marburg 1984. RB
^
Bedeutungswandel
Veränderung der virtuellen Bedeutung von Lexemen
als kollektive Folge zunächst individueller Modifikationen
in der »gewöhnlichen Sprechtätigkeit« (Paul
1920, Keller 1990). B. betrifft ð denotative und ð
konnotative Komponenten und Gebrauchsbedingungen
von Lexemen, die Struktur ihrer ð Signifikate
und ihre semant. Relationen zu anderen Lexemen.
Grob gegliedert wird B. durch die traditionelle, auch
von ð Semasiologie und ð Onomasiologie übernommene »
logisch-rhetor.« Klassifikation der Vorher-
nachher-Relation; ð Bedeutungserweiterung, ð
Bedeutungsverengung, ð Bedeutungsübertragung
(1), ð Bedeutungsverbesserung, ð Bedeutungsverschlechterung.
Diese Kategorien erfassen allerdings
weder die Art der Wandlungsprozesse hinsichtl. (a)
ð Denotat, (b) Signifikat und (c) ð Wortfeld noch
(d) psycholog., soziokulturelle oder histor. Ursachen
und Bedingungen des jeweiligen B. Jedes der genannten
B.ergebnisse kann zustande kommen (aa) entweder
durch Veränderungen des Denotats (z.B. Schreibfeder)
bzw. des Wissens darüber (z.B. Atom) bzw.
der Einstellung dazu (z.B. Homosexualität) ohne
Veränderung des sprachl. Ausdrucks (»sprachl. Konservatismus«, »
Sachwandel«); oder aber (ab) durch
Veränderung der ð Extensionen), also der Zuordnung
des Ausdrucks zu Denotaten, und zwar via ð Bezeichnungsübertragung (
Speiche ›Unterarmknochen‹)
oder (ellipt.) ð Bedeutungsübertragung (2) (Kette
›Fahrradkette‹). I.d.R. wird dabei (b) das Signifikat
ð Sememe dazugewinnen (wachsende ð Polysemie,
s.o. ›Speiche‹); andererseits veralten Bezeichnungsmöglichkeiten
auch (z.B. Schalter ›Ruderstange‹).
(c) Dies geschieht oft in Konkurrenz zu anderen Lexemen (
z.B. verliert list im Nhd. seine mit kunst synonymen
positiven Teilbedeutungen): B. kann wie zuerst
Trier (1931) umfassend gezeigt hat - nicht zureichend
am einzelnen Lexem, sondern nur im Rahmen
der paradigmat. und syntagmat. Beziehungen eines ð
Wortfelds beschrieben werden. B. dient u.a. der Ausbildung,
Aufrechterhaltung oder Einebnung von Bedeutungsoppositionen (
viele Beispiele bei Fritz
1974). (d) Eben dies findet und fand statt in »sinnkonstituierenden« (
Busse 1987), zielbezogenen Interaktionen,
motiviert durch individuelle Intentionen und
Bedürfnisse (z.B. des Ausdrucks oder der Verhüllung),
geprägt durch zeit-, gesellschafts- und gruppentyp.
Kenntnisse und Wertungen, bezogen auf gegenstands-,
text- und situationsspezifische Stilnormen.
Mit derartigen Gesichtspunkten nehmen neuere begriffsgeschichtl. (
ð historische Semantik) und handlungstheoret. (
Fritz 1984) Ansätze eine pragmat. Perspektive
wieder auf, aus der heraus ältere Forschung
die Fülle psych. (u.a. affektiver: Sperber 1923) und
sozialer (Meillet 1921) Ursachen und Bedingungen
des B. zu erfassen versuchte.
& Lit. D. Busse, Histor. Semantik. Stgt. 1987. - G.
Fritz, B. im Dt. Tübingen 1974. - Ders., Ansätze zu
einer Theorie des B. HSK 1, 739-753. - Ders., Historische
Semantik. Stgt. 1998. - R. Keller, Sprachwandel.
Tübingen 1990. - R. Koselleck (Hg.), Histor. Semantik
und Begriffsgeschichte. Stgt. 1978. - H. Kronasser,
Hdb. der Semasiologie. Heidelberg 21968. A.
Meillet, Linguistique historique et linguistique générale.
Bd. I. Paris 1921. - H . Paul, Prinzipien der
Sprachgeschichte. Halle 51920. - O. Reichmann, Histor.
Lexikologie. HSK 1, 440-460. - Th. Schippan,
Einführung in die Semasiologie. Lpz. 21975. - Dies.,
Lexikologie der dt. Gegenwartsspr. Tübingen 1992,
Kap. 10. - H. Sperber, Einf. in die Bedeutungslehre.
Bonn 1923. - J. Trier, Der dt. Wortschatz im Sinnbezirk
des Verstandes, Heidelberg 1931. - S. Ullmann,
Grundzüge der Semantik. Bln. 1967. RB
^
Dissimilation Beisp.
(lat. dissimilis ›unähnlich‹. Auch: Entähnlichung) Der
ð Assimilation entgegengesetzter phonolog. bzw.
Lautwandel-Prozeß der Differenzierung von (benachbarten)
phonet. ähnlichen Lauten; z.B. mhd. mörter >
nhd. Mörtel. PM
^
* Distinkt(iv)
dt.: unterscheidend; ein distinktives Merkmal unterscheidet eine Reihe von Elementen von einer anderen. Eingeführt wurde der Terminus
in der §_Phonologie zur Abgrenzung der einzelnen §_Phoneme (Laute). Das Verfahrenfindet auch Anwendung in der §_semantischen Analyse: Mensch, Fisch, Elefant, Fliege
hat gegenüber: Tisch, Stein, Haus, Berg das distinktive Merkmal [+belebt]; Fisch, Elefant, Fliege hat gegenüber: Mensch das distinktive Merkmal [-human],
und umgekehrt Mensch hat gegenüber: Fisch, Fliege... das distinktive Merkmal [+human]. §_Merkmalanalyse (§_Komponentenanalyse).
^
Etymologie
(griech. etymos (etymos) ›wahr‹, logos (logos) ›Wort,
Lehre‹. Engl. etymology, frz. étymologie) Lehre von
der Herkunft, Grundbedeutung, formalen und inhaltl.
Entwicklung der ð Lexeme einer Spr. sowie ihrer
Verwandtschaft mit Lexemen gleichen Ursprungs in
anderen Spr.; im Einzelfall die Zurückführung eines
Lexems bzw. ð Morphems auf ein (nach den Prinzipien
von ð Lautgesetzen rekonstruiertes) ð Etymon,
d.h. seine Ursprungsform und Grundbedeutung. Die
neuere etymolog. Forschung schließt die gesamte Geschichte
eines Lexems im System des Wortschatzes
ein, die von inner- und außersprachl. Faktoren bestimmt
wird; ð etymologisches Wörterbuch, ð
Volksetymologie.
& Lit. E. Seebold, E., eine Einf. am Beispiel der dt.
Spr. Mchn. 1981. - H. Püschel, E. Der Neubeginn
der vergleichenden Sprachwiss. Gilching 1995. H.-M. Gauger,
Der etymolog. Holzweg. In: Ders.,
Über Spr. und Stil. Mnch. 1995, 62-81. SH
[Lexikon Sprache: Etymologie, S. 1 ff. Digitale Bibliothek Band 34: Metzler Lexikon Sprache, S. 2803 (vgl. MLSpr, S. 196 ff.) (c) J.B. Metzler Verlag]
^
Extension, extensional
(lat. extendere ›ausdehnen, verbreiten‹) In der ð formalen
Logik und philosoph. Semantik Bezeichnung
für die Bestimmung eines Ausdrucks mit Bezug auf
den Begriffsumfang, d.h. auf die Menge der Gegenstände,
auf die der Ausdruck zutrifft. Ein Ausdruck
gilt dann als e., wenn er durch einen anderen mit gleicher
E. ersetzt werden kann, ohne daß sich dabei der
ð Wahrheitswert des Satzes ändert. Unter Umfang
versteht man den Anwendungsbereich des Begriffes:
der Umfang des Begriffs Mensch ist die Menge der
Menschen. Die E. eines singulären Ausdrucks ist das
Objekt, das durch den Ausdruck bezeichnet wird, die
E. eines ð Prädikats ist die Klasse der Objekte, auf
die das Prädikat zutrifft, die E. eines Satzes ist sein
Wahrheitswert. Ein ð Kontext ist e., wenn Ausdrücke
gleicher E. substituiert werden können, ohne
daß die E. des Satzes sich verändert. PR
^
Historische Grammatik
In der ð historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft
übl. Bez. für diachrone Untersuchungen zu einzelnen
Sprachen oder Sprachgruppen, die sich auf alle
Ebenen ihres grammat. Systems erstrecken können.
Die h.G. versucht, verschiedene Etappen in der histor.
Entwicklung der Objektspr.(n) zueinander in Beziehung
zu setzen und die sprachl. Veränderungen, die
sich in der Phonologie, Morphologie oder Syntax in
histor. oder vorhistor. Zeiträumen abgespielt haben,
greifbar zu machen und, wenn mögl., zu erklären
(z.B. durch die Aufdeckung von ð Lautgesetzen, ð
Analogien, Kasussynkretismen u.ä.). Soweit dabei
nicht selbst bezeugte Sprachstufen zum Tragen kommen,
können Verfahren der äußeren und inneren ð
Rekonstruktion angewendet werden; ð historischvergleichende
Sprachwissenschaft, ð Indogermanistik.
& Lit. H. Rix, Histor. Grammatik des Griech. Lautund
Formenlehre. Darmstadt 1976. GP
^
Historische Semantik
(auch: Begriffsgeschichte) Vielfach bleibt die Bez. für
einen Sachverhalt über längere Zeiträume hinweg
konstant, während sich das damit Bezeichnete verändert.
Dies gilt für den Bereich der materiellen Kultur
(z.B. Wagen für Automobil), vor allem aber für polit.,
kulturelle, religiöse und ideolog. Ausdrücke (z.B.
Freiheit, Familie, Liebe usw.). Mitunter führen diese
Veränderungsprozesse zu polit. Debatten über die
»richtige« Bedeutung solcher Ausdrücke (ð Sprachlenkung).
Der sog. »semant. Krieg« um 1975 wurde
geführt um die »Besetzung von Begriffen«. Man stritt
jedoch weniger darüber, welche Inhalte bestimmten
polit. Ausdrücken zuzuschreiben sind, sondern eher
darüber, welche der polit. Richtungen (Parteien) Anspruch
auf die programmat. Verwendung von (positiv
konnotierten) ð »Fahnenwörtern« wie Freiheit,
Deutschland, Solidarität, Demokratie, Sozialstaat
usw. erheben könne. - Die zuvor v.a. im Rahmen der
philosoph. Hermeneutik und der Ideengeschichte erörterten
Probleme der h.S. wurden in den 1970er Jahren
v.a. von Soziologen und Historikern mit sozialgeschichtl.
Orientierung intensiv diskutiert, ausgehend
von einer »Kritik der unbesehenen Übertragung gegenwärtiger
und zeitgebundener Ausdrücke des Verfassungslebens
in die Vergangenheit« und einer
»Kritik an der Geschichte von Ideen, sofern diese als
konstante Größe eingebracht werden« (Koselleck
1980, 25). Das Ziel der h.S. ist es, die Differenzen zu
thematisieren und zu klären, die zwischen einer histor.
und einer gegenwärtigen Begrifflichkeit herrschen,
und ihre Entstehung zu rekonstruieren; ð Bedeutungswandel.
& Lit. D. Busse, Histor. Semantik. Stgt. 1987. - I.
Fetscher & H.E. Richter (Hgg.), Wörter machen keine
Politik. Beiträge zu einem Kampf um polit. Begriffe.
Reinbek 1976. - G.K. Kaltenbrunner (Hg.), Sprache
und Herrschaft. Die umfunktionierten Wörter. Mchn.
1975. - R. Koselleck, Begriffsgeschichte und Sozialgeschichte.
In: ders. (Hg.), H.S. und Begriffsgeschichte.
Stgt. 1980, 19-326. - G. Fritz, H.S. Stgt. 1993. G
^
Historische Sprachwissenschaft
(auch: Historiolinguistik) Gegenstand der h.S. ist die
geschichtl. Entwicklung von Spr. und Spr.n als Prozeß
und als Resultat. Ihre Fragestellung berührt sowohl
das Problem des ð Sprachursprungs als auch
das der ð Sprachverwandtschaft. In der Antike wurde
Sprachreflexion vorwiegend ð synchron betrieben
(z.B. von Aristoteles, Dionysios Thrax und den röm.
Grammatikern), ebenso im MA (z.B. von Isidor von
Sevilla oder Thomas von Aquin). In der frühen Neuzeit
werden Fragen der ð Sprachgeschichte verstärkt
thematisiert, sowohl bezogen auf die ð heiligen
Sprachen (v.a. das Lat. wollte man von der »Verderbtheit«
reinigen, als die man jahrhundertelange
Gebrauchsspuren (ð Sprachwandel) verstand, z.B.
Erasmus, J. Scaliger) als auch auf die jungen ð Nationalsprachen
und ð Volkssprachen (z.B. Dante),
denen man möglichst imposante Genealogien zuschrieb (
ð Ursprache, ð Zweiundsiebzig Sprachen).
Im 17. (ð Sprachgesellschaften) und 18. Jh. wird die
Beschäftigung mit Sprachgeschichte allmählich method.
kontrollierter, v.a. im Bereich der ð Lexikographie (
z.B.C. Stieler, J. Ch. Adelung). Das »goldene
Zeitalter« der h.S. wurde das 19. Jh. 1786 publizierte
W. Jones (1746-1794) die Entdeckung, daß zwischen
dem Sanskrit und dem Griech., Lat., Kelt. und Got.
genet. Zusammenhänge bestehen. Sie wurde von F.v.
Schlegel (1772-1829), F. Bopp (1791-1867) und R.
Rask (1787-1832) in umfangreichen Arbeiten weiterverfolgt.
Zusammen mit J. Grimms (1785-1863)
»Deutscher Grammatik« (1818) und den Schriften
von H. Steinthal (1823-1899; ð Völkerpsychologie)
markieren sie den Anfang der ð historisch-vergleichenden
Sprachwissenschaft. Auf A. Schleicher
(1821-1868) geht der Versuch zurück, h.S. im darwinist.
Sinne als Naturgeschichte zu betreiben. Alle frühen
Modelle sind von organizist. Vorstellungen geprägt,
d.h. daß Sprachgeschichte als Entwicklungsgeschichte
verstanden wird, deren Aufgabe darin besteht,
den Lebenszyklus von »Sprachorganismen«
darzustellen (ð Organismusmodelle). Ältere und zeitgenöss.
Überzeugungen von Sprachverfall, ð
»Sprachtod« u.ä. (ð Sprachkritik, ð Sprachpflege)
wurzeln in diesen Vorstellungen. Die theoret. Grundlagen
und die »positivist.« Aufarbeitung ungeheuren
Materials, auf das sich die moderne h.S. im wesentlichen
heute noch stützt, erfolgte in der nach den ð
Junggrammatikern (H. Paul (1846-1921). K. Brugmann (
1849-1919), F.F. Fortunatov (1848-1914),
J.A. Baudouin de Courtenay (1845-1929) u.a.) benannten
Phase zwischen ca. 1870 und 1920. Programmat.
ist das junggrammat. Konzept der h.S. in
Pauls »Prinzipien der Sprachgeschichte« (1880)
dargelegt. Die Philologien, die sich mit nicht-idg. Spr.
befassen, übernahmen zunächst die von den Junggrammatikern
entwickelten method. Standards; Versuche,
sie zu überwinden, blieben lange Zeit wenig
erfolgreich; der ð Marrismus muß als Verirrung eingeschätzt
werden. In der h.S. wurden unterschiedl. Erklärungsmodelle
für ð Sprachwandel und ð Sprachgeschichte
entwickelt; wichtige Entwürfe waren die
Entfaltungstheorie, ð Stadialtheorien (ð Marrismus),
die ð Stammbaumtheorie, die ð Wellentheorie
und die ð Glottochronologie. - Die h.S. befaßt
sich mit Veränderungen von Spr. in der Zeit. Ihr Interesse
richtet sich auf den Sachverhalt, daß eine Klasse
sprachl. Elemente Ex zu einem Zeitpunkt tx durch
eine Formklasse Fx, eine Klasse von Bedeutungen
Bx, paradigmat. und mögliche syntagmat. Relationen
Prx und Srx charakterisiert ist, also Ex (f) (Fx, Bx,
Prx, Srx) tx. Hat sich zu einem Zeitpunkt ty eines der
charakterisierenden Merkmale x verändert, so liegt ein
verändertes Ey und damit ð Sprachwandel vor; ist
dies nicht der Fall, so ist die Elementenklasse unverändert.
Solche Veränderungen betreffen alle Ebenen
des Sprachsystems, ebenso die Regeln der Sprachverwendung,
und sie müssen mit den Instrumentarien des
jeweils einschlägigen Teilgebiets der Ling. analysiert
werden, z.B. im Rahmen der ð historischen Grammatik.
In der h.S. wird darüber hinaus in
sprachexternen Faktoren nach Bedingungen, Gründen
und Zwecken von sprachinternen Veränderungen gesucht,
was in den Konzepten einer ð diachronischen
Linguistik abgelehnt wird (F. de Saussure, L. Hjelmslev,
P. Kiparsky u.a.). Wichtige Anregungen und
Neuansätze in der h.S. hat E. Coseriu entwickelt. Gegenstand
der h.S. ist nicht nur die Geschichte einzelner
Sprachen (ð Sprachgeschichte), sondern auch
die Geschichte von Sprachgruppen und Sprachzweigen (
beide Begriffe beruhen auf Rekonstruktionen, die
im Rahmen der h.S. vorgenommen wurden, z.B. ð
Indogermanisch) und die Phylogenese von Sprache
schlechthin (ð Ursprache); letzteres Untersuchungsfeld
gilt jedoch vielfach als unseriös, weil die Datenlage
zu Spekulationen zwingt.
& Lit. H. Paul, Prinzipien der Sprachgeschichte.
Lpz. 1880. - H. Arens, Sprachwiss. Der Gang ihrer
Entwicklung von der Antike bis zur Gegenwart. Freiburg
1969 u.ö. - E. Coseriu, Synchronie, Diachronie
und Geschichte. Mchn. 1974. - Ders., Vom Primat
der Geschichte. Sprachw. 5, 2, 1980, 125-145. - R.
Lass, On Explaining Language Change. Cambridge
1980. - HSK 2, 1984, 1985. - H. Lüdtke, Esquisse
d'une théorie du changement langagier. La linguistique
22, 1, 1986, 3-46. G
^
Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft
(auch: Komparatistik. Engl. historical and comparative
linguistics, comparative philology) Forschungsrichtung,
die sich mit der Untersuchung der Herkunft,
Entwicklung und Verwandtschaft von Spr. befaßt.
Diese auf die ð Germanistik und ð Indogermanistik
des 19. Jh. zurückgehende Disziplin erhielt ihren ersten
Anstoß vom brit. Orientalisten W. Jones
(1746-1794), der 1786 auf die Wahrscheinlichkeit
eines für das neulich entdeckte ð Sanskrit sowie für
Latein, Griech. und andere europ. Spr. gemeinsamen
Ursprungs hinwies. Aus der darauffolgenden Auseinandersetzung
mit den phonolog., morpholog. und lexikal.
Details des Griech., Lat. und der german. Spr.
in Hinblick auf zwischensprachl. Übereinstimmungen
und in schriftl. Quellen belegten ð Sprachwandel
entwickelte sich die indogermanist. Sprachforschung
unter F. Bopp (1791-1867), R. Rask (1787-1832), J.
Grimm (1785-1863) und A. Schleicher (1821-1868)
zum Mittelpunkt und zum inspirierenden Motor der
hist.-vergl. Sprachwiss. 1816 veröffentlichte Bopp
seine vergleichende Studie des Konjugationssystems
des Sanskrit, die zusammen mit seiner Vergleichenden
Grammatik (1833) die Komparatistik als Wiss.
begründete. Von Bopp stammt die Theorie der monosyllab.
Wurzel als ursprüngl. Einheit und der
Agglutination als des Verfahrens, nach dem Wurzeln
mit sich selbst und mit pronominalen Flexionswurzeln
kombiniert werden. Rasks vergleichende Untersuchungen
nordgerm. Flexionssysteme führten zur ersten
Formulierung von Regeln für die Feststellung
von Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Spr. v.a.
im Hinblick auf Lautentsprechungen und -verschiebungen.
1822 wurde auf der Basis von Rasks Erkenntnissen
über regelmäßige Entsprechungen zwischen
nsonantensystemen
von J. Grimm
(1785-1863) die These von der 1, und 2. ð Lautverschiebung
aufgestellt. Die erste umfassende Abhandlung
einer ð Sprachfamilie samt einer provisor. ð
Rekonstruktion der Proto- bzw. ð Ursprache, aus der
die einzelnen histor. belegten Spr. sich angeblich entwickelt
hatten, wurde von Schleicher in seinem
»Compendium der vergleichenden Grammatik der
idg. Sprachen« (1861/62) gewagt, wobei er sich weitestgehend
auf die Ergebnisse seiner Vorgänger stützte.
Seine von der Darwinischen Evolutionstheorie
maßgebl. beeinflußte Vorstellung der genet. Abstammung
von ð Sprachfamilien kam 1871 im als Standard
geltenden, aber heute umstrittenen Begriff des
sprachl. ð Stammbaums zum Ausdruck. Als Gegenthese
zur Stammbaumtheorie wurde 1868 von H.
Schuchardt (1842-1927) und 1872 von J. Schmidt
(1843-1901) die ð Wellentheorie formuliert, die
anstelle des starren Abzweigungsmodells eine allmähl.,
wellenähnl. Ausbreitung sprachl. Erneuerungen
über längere Zeiträume als natürlicheres Bild des
ð Sprachwandels ansieht. In den Jahren 1876 bis
1880 empfing die hist.-vergl. Sprachwiss. neue Impulse
aus der Auseinandersetzung mit den ð Junggrammatikern,
die der älteren Generation mangelnde
Stringenz bei der Auswertung v.a. lautl. Korrespondenzen,
eine Romantisierung hist. Prozesse sprachl.
Entwicklung sowie eine unangemessene philosoph.
Betrachtung der Spr. als Organismus, der sich unabhängig
von den Sprechern entfaltet, vorwarf (ð Organismusmodelle).
Die Ansicht der Junggrammatiker,
die Ling., insbesondere die Komparatistik, sei eine
exakte Wissenschaft, deren Gegenstand, die Spr., klaren
setzen
unterworfen ist, führte zur Formulierung
des Prinzips der strengen Ausnahmslosigkeit. Vermeintl.
Ausnahmen wurden als ð Analogiebildungen
erklärt. Die Geschichte der hist.-vergl. Sprachwiss.
seit Ende des 19. Jh. ist im großen und ganzen die
eines Prozesses der weiteren Auswertung und Verfeinerung
der Daten, Hypothesen und Methoden dieser
Disziplin meist im Zusammenhang mit der Indogermanistik,
wobei immer häufiger Erkenntnisse, die aus
der Anwendung sprachvergleichender Methoden in
bezug auf nichtidg. Spr. gewonnen worden sind, einen
korrektiven Einfluß ausüben. Aufgrund besserer und
breiterer Kenntnisse der Zusammensetzung z.B. phonolog.
Systeme oder von Tendenzen beim ð Lautwandel
sind neue Thesen über die genaue Form des
uridg. Lautsystems aufgestellt worden, die das traditionelle
Bild der germ. Lautverschiebungen ernsthaft
in Frage stellen. Außerdem sind auf idg. Spr. basierende
Annahmen hinsichtl. der scheinbar gegen Ersetzung
resistenten Bereiche des Wortschatzes nicht
mehr ohne Qualifizierung haltbar. Im wesentl. werden
aber nach wie vor regelmäßige Entsprechungen in der
Phonologie, Morphologie und Typologie zweier Spr.
als Beweis einer engen »genet.« Verwandtschaft angesehen.
Dabei ist aber zu berücksichtigen, daß sich
die typolog. Charakteristik einer Spr. im Laufe der
Zeit drast. verändern kann (wie z.B. im Falle des Chines.
oder des Engl.) und daß zahlreiche Entlehnungen
z.B. zwischen ð isolierenden und ð analytischen
Spr. nur schwer, wenn überhaupt, von durch eine gemeinsame
Abstammung verwandten Wörtern zu unterscheiden
nd (
wie z.B. im Verhältnis des Thai zum
Chines.). In Hinblick auf den Vergleich von Spr. ist
heute bekannt, daß eine Reihe von Faktoren (einschließl.
ð Analogie) die Regelmäßigkeit der Lautentsprechungen
beeinträchtigen kann. Dennoch können,
wo eine schriftl. Dokumentation der Sprachgeschichte
fehlt, nur regelmäßige Entsprechungen für
die Frage einer mögl. Verwandtschaft in Betracht
gezogen werden. Eine besonders strenge, in der Tradition
der Junggrammatiker stehende Anwendung dieses
Prinzips der Ausnahmslosigkeit kann in der Arbeit
von R.A. Miller zum ð Altaischen erkannt werden.
Obwohl die gegenseitige Beeinflussung benachbarter,
verwandter Dialekte und Spr. etwa so abläuft,
wie in der Wellentheorie geschildert, behält weiterhin
aus prakt. Gründen der Stammbaum seinen traditionellen
Platz in der Darstellung sprachl. Entwicklung.
& Lit. R. Anttila, An Introduction to Historical and
Comparative Linguistics. N.Y., Ldn. 1972. - W.P.
Lehmann, Historical Linguistics. An Introduction.
N.Y. 21973. Dt.: Einf. in die histor. Ling. Heidelberg
1969. - Th. Bynon, Historical Linguistics. Cambridge
u.a. 1977. - O. Szemerényi, Einführung in die
vergleichende Sprachwiss. Darmstadt - 21980. WR
^
Erbwortschatz
(auch: heimischer Wortschatz, Kernwortschatz, nativer
Wortschatz) Unter etymolog. Aspekt läßt sich der
Wortschatz einer Spr. danach einteilen, ob die Wörter
in histor. Zeit aus einer anderen Spr. übernommen
wurden (ð Lehnwörter i.w.S.) oder ob sie in allen
Vorstufen der betreffenden Spr. bereits vorhanden
waren (Erbwörter). Die Unterscheidung ist abhängig
von der zeitl. Erstreckung der Beobachtung und vom
etymolog. Forschungsstand. Frühe Entlehnungen des
German. aus dem Kelt. können vom nhd. Standpunkt
aus als Erbwörter angesehen werden (z.B. Reich). Für
die ältesten Sprachstufen gilt wohl insgesamt, daß
zum E. alles zählt, für das fremde Herkunft nicht
nachgewiesen ist (z.B. Pflug). Der Begriff E. ist auch
deshalb problemat., weil ältere Lehnwörter so assimiliert
sein können, daß sie wie Erbwörter aussehen
(z.B. Mauer < lat. murus), und weil Erbwörter gelegentl.
Merkmale fremder Herkunft übernehmen (z.B.
Forelle). Für die synchrone Betrachtung unter dem
Aspekt phonet. oder graph. Regelhaftigkeit erscheint
eine Unterscheidung von nativen und nichtnativen
Wörtern zweckmäßiger.
& Lit. E. Seebold, Etymologie. Mchn. 1981. - H.
Birkhan, Etymologie des Dt. Ffm., N.Y. 1985. - O.
Reichmann, Erbwortbezogene Wbb. im Dt. HSK 5,
II, 1990, 1231-1241. B
^
* Hyperonym
Oberbegriff; Lexem, das in einer begrifflich übergeordneten Beziehungzu einem oder mehreren anderen Lexemen steht: Stitzmöbel (im Verhältnis zu: Stuhl, Sessel, Sofa, Hocker usw.).
Das Hyperonym ist inhaltlich allgemeiner und enthält weniger §_distinktive Merkmale. (Gegenteil: §_Hyponym).
^
* Hyponym
Unterbegriff; Lexem, das in einer begrifflich untergeordneten Beziehungzu einem oder mehreren anderen Lexemen steht: Stuhl (im Verhältnis zu: Stitzmöbel).
Das Hyperonym ist inhaltlich differenzierter und merkmalhaltiger. (Gegenteil: §_Hyperonym).
^
Intension
(lat. intendere ›bedacht sein, achten auf‹) In der philosoph.
Semantik Bez. für die Bestimmung eines Begriffs
durch seinen Begriffsinhalt bzw. Bedeutungsgehalt (
Ggs. ð Extension, d.h. Bestimmung durch den
Begriffsumfang). Der Begriffsinhalt wird durch die
Klasse der ihm eigenen Merkmale erklärt, z.B. der
Begriff ›Säugetier‹ durch die für Säugetiere spezif. Eigenschaften.
PR
^
Lehnbedeutung
(engl. semantic calque, frz. calque sémantique) Subklasse
der ð Lehnprägungen, Art der ð Entlehnung,
die darin besteht, daß die Bedeutung eines fremdsprachigen
Wortes in das schon vorhandene entsprechende
Wort der entlehnenden Sprache zusätzl. übernommen
wird, das dadurch eine Bedeutungserweiterung
erfährt, z.B. dt. Held (ursprüngl. Bedeutung
›Mensch, der Hervorragendes leistet‹) nach dem Vorbild
von engl. hero heute mit der zusätzl. Bedeutung
›literar. Hauptfigur, Titelrolle in einem Film‹; frz.
réaliser (ursprüngl. Bedeutung ›verwirklichen‹) nach
dem Vorbild von engl. (to) realize heute mit der zusätzl.
Bedeutung ›erkennen, wahrnehmen‹. SH
^
Lehnbildung Beisp.
Neben der ð Lehnbedeutung die weitere Subklasse
der ð Lehnprägungen, die sich weiter untergliedert in
ð Lehnübersetzung, ð Lehnübertragung und ð
Lehnschöpfung. SH
^
Lehngut
Zusammenfassende Bez. für alle Formen der Beeinflussung
einer Spr. durch andere Spr. auf den verschiedenen
Ebenen: Lehnphonem (z.B. [õ] in Salon),
Lehngraphem (z.B.
für [u:] in Boom), Lehnmorphem (
z.B. das Suffix {-er} aus lat. {-arius}), ð
Lehnwort, Lehnwendung und Lehnsyntax (ð Sprachkontakt,
ð Interferenz). Aus anderen Spr. übernommene
Wörter stellen Übernahmen aus Ausdrucksseite
und Inhaltsseite dar: Lehnwörter i.w.S. Je nach ihrer
Assimilierung oder Nichtassimilierung in phonet.,
graph., morpholog. Hinsicht unterscheidet man (assimilierte)
Lehnwörter i.e.S. (z.B. Mauer < lat. murus)
und (fremd gebliebene) ð Fremdwörter (z.B. Palais
< frz. palais). Wortschatzeinflüsse auf heimische
Ausdruckselemente heißen ð Lehnprägung. Soweit
nur die Bedeutung übernommen und auf ein vorhandenes
heimisches Wort übertragen wird, liegt ð
Lehnbedeutung vor (z.B. die religiösen Bedeutungen
von Geist, Gnade, Himmel, Hölle). Die Produktion
neuer Wörter aus heimischen Elementen auf Anregung
des fremden Wortes heißt ð Lehnbildung. Sie
vollzieht sich formal unabhängig vom fremden Vorbild
als ð Lehnschöpfung (z.B. die im Zusammenhang
von Verdeutschungen geschaffenen Ersatzwörter
wie Bahnsteig für Perron), formal abhängig als
Lehnformung. Die engere Form der Lehnformung,
nämlich die Glied-für-Glied-Übersetzung, heißt ð
Lehnübersetzung (z.B. Wochenende < engl. weekend),
die freiere Form ð Lehnübertragung (z.B. Vaterland <
lat. patria). Die hier verwendete, auf W.
Betz zurückgehende Terminologie ist nicht allgemein
durchgesetzt, sie steht in Konkurrenz zu anderen Einteilungen
und Benennungen, z.B. von E. Haugen und
U. Weinreich.
& Lit. W. Betz, Lehnwörter und Lehnprägungen im
Vor- und Frühdt. In: F. Maurer & H. Rupp (Hgg.),
Dt. Wortgeschichte. Bln., N.Y. 31974, 135-163. E.
Haugen, The Analysis of Linguistic Borrowing. Lg.
26, 1950, 210-231. - U. Weinreich, Languages in
Contact. N.Y. 1953. - E. Oksaar, Terminologie und
Gegenstand der Sprachkontaktforschung. HSK 1,
1984, 845-854. B
^
Lehnpräfix
Aus einer fremden Sprache entlehntes ð Präfix, das
im Ggs. zum ð Fremdpräfix in Lautung und Schreibung
in das System der Nehmersprache vollständig
integriert ist, z.B. griech./lat. anti-, pro-, inter-, dis-,
ultra- in vielen modernen Spr.; ð Konfix, ð Lehnsuffix,
ð Lehnwort. SH
^
Lehnprägung
(auch: Abklatsch, Calque, Kalkierung) Neben den ð
Lehnwörtern die weitere Klasse der ð Entlehnungen.
Sie umfaßt semant. ident. oder ähnl. Nachbildungen
eines fremdsprachigen Lexems mit den Wortbildungsmitteln
der Nehmersprache, wobei als Subklassen unterschieden
werden: (a) ð Lehnbedeutung und (b)
Lehnbildung mit den weiteren Subklassen (ba) ð
Lehnübersetzung, (bb) ð Lehnübertragung und (bc)
ð Lehnschöpfung. SH
^
Lehnschöpfung Beisp.
Subklasse der ð Lehnbildungen, Art der Entlehnung,
bei der im Ggs. zur ð Lehnübersetzung und ð Lehnübertragung
ein fremdsprachiger Ausdruck in der
Nehmersprache formal gänzl. frei nachgebildet wird,
z.B. Sinnbild < Symbol. SH
^
Lehnsuffix
Aus einer fremden Spr. entlehntes ð Suffix, das im
Ggs. zum ð Fremdsuffix in Lautung und Schreibung
vollständig in das System der Nehmersprache integriert
ist, z.B. im Dt. -ant, -ität (bei Substantiven),
-abel, -al, -ant (bei Adjektiven), -ier-en (bei Verben);
ð Lehnpräfix, ð Lehnwort. SH
^
Lehnübersetzung Beisp.
(engl. calque, loan-translation, frz. calque) Subklasse
der ð Lehnbildungen, Art der ð Entlehnung, bei der
ein fremdsprachiger Ausdruck im Unterschied zur ð
Lehnübertragung Bestandteil für Bestandteil in die
Nehmersprache übersetzt wird, z.B. Dampfmaschine
< engl. steam engine, Geistesgegenwart < frz. présence
d'ésprit; Papiergeld < frz. papier-monnaie <
engl. paper-money. SH
^
Lehnübertragung Beisp.
Subklasse der ð Lehnbildungen, Art der ð Entlehnung,
bei der im Unterschied zur ð Lehnübersetzung
ein fremdsprachiger Ausdruck nur teilweise bzw. angenähert
übersetzt wird, z.B. Vaterland < lat. patria,
z.B. Wolkenkratzer, frz. gratte-ciel, ital. grattacielo,
russ, neboskrëb < amerikan.-engl. sky-scraper. SH
^
Lehnwort
(engl. loan-word, borrowed word, frz. mot d'emprunt)
1. I.w.S. Sammelbez. für ð Fremdwort und L.
2. I.e.S. neben den ð Lehnprägungen die weitere
Klasse der ð Entlehnungen. Sie umfaßt im Unterschied
zum Fremdwort allein solche ð Entlehnungen
aus einer fremden Spr., die in Lautung (Aussprache
und Betonung), Schreibung und Flexion vollständig
in die entlehnende Spr. integriert sind (z.B. Fenster <
lat. fenestra, Bluse < frz. blouse, Streik < engl.
strike). In diesem Sinne bilden (a) Lehnwörter (als lexikal.
Entlehnungen) und (b) Lehnprägungen (als semant.
Entlehnungen) mit den Subklassen > (ba) Lehnbildung (
ð Lehnübersetzung, ð Lehnübertragung,
ð Lehnschöpfung) und (bb) ð Lehnbedeutung zusammen
den ð Lehnwortschatz.
& Lit. ð Fremdwort, ð Lexikologie, ð Wortbildung.
SH
^
Lehnwortbildung
ð Wortbildung mit Hilfe von aus fremden Spr. entlehnten
Elementen, z.B. Redakt-eur, elektr-isch, Bioladen.
& Lit. G. Hoppe u.a., Dt. Lehnwortbildung. Tübingen
1987. SH
^
Lehnwortschatz
1. I.w.S. Gesamtheit der ð Lehnwörter (1).
2. I.e.S. Gesamtheit der Lehnwörter (2); ð Entlehnung,
ð Lehngut. SH
^
Sem n.
(griech. snma (sema), frz. sème ›Zeichen‹)
1. Von B. Portier (1963) und A.J. Greimas (1966)
eingeführter Terminus zur Bez. minimal-distinktiver
Bedeutungselemente von Lexemen; ð Semantisches
Merkmal.
2. H.E. Wiegand und H. Henne beschränken den
S.-Begriff auf diejenigen Merkmale, die innerhalb
eines Paradigmas distinktiv sind; das allen ð Sememen
eines Paradigmas gemeinsame Merkmal nennen
sie ð Noem.
3. Gelegentl. wird der Ausdruck »sème« für eine höherrangige
Zeicheneinheit verwendet, so von L.J.
Prieto für satzanaloge Äußerungen oder von J. Kristeva
für Texte.
& Lit. B. Pottier, Recherches sur l'analyse sémantique
en linguistique et en traduction mécanique.
Nancy 1963. - A.J. Greimas, Sémantique structurale.
Paris 1966. - L.J. Prieto, Messages et signaux. Paris
1966. - J. Kristeva, Snmeiotikn. Recherches pour
une sémanalyse, Paris 1969. - Weitere Lit. ð Semantisches
Merkmal. RB
^
Semantem n.
(semant(isch) + -em; ð emisch)
1. Bei J. Vendryes und Ch. Bally das virtuelle lexikal.
Zeichen (ð Lexem), frei (zehn) oder gebunden (leb-;
Bally: »radical«).
2. Zuweilen i.S. von ð Semem oder ð Sem.
3. H. Glinz sowie - ihm folgend - H. Sitta und K.
Brinker verstehen unter einem »(Nomo-) S.« den »festen
geltenden Inhalt« eines Syntagmas bzw. Satzes.
Das S. ist nicht Produkt unabhängiger Lexembedeutungen,
sondern weist umgekehrt den syntakt. Elementen
ihren semant. Wert zu; durch partielle Substitution
können S. zu Äquivalenzklassen verbunden
sein (es tut nichts/das macht gar nichts/so etwas
schadet nicht viel). Brinker konkretisiert das »verbale
S.« als valenzabhängige (Teil-)Bedeutung eines
Verbs, die beim Fehlen »semantemkonstitutiver«
Satzglieder verlorengeht, selbst wenn diese »morphosyntakt.«
weglaßbar sind: Er findet1 sie schön - Er
findet2 sie. Die »nomosyntakt.« Differenzierung in
zwei S. hebt die Fakultativität der Prädikativergänzung (
schön) auf: finden1 ist obligator. dreiwertig,
finden2 obligator. zweiwertig.
& Lit. J. Vendryes, Le langage. Paris 1921. - Ch.
Bally, Linguistique générale et linguistique française.
Bern 1932. - H. Glinz, Grundbegriffe und Methoden
inhaltbezogener Text- und Sprachanalyse. Ddf.
1965. - H. Sitta, S.e und Relationen. Ffm. 1971. - K.
Brinker, Konstituentenstrukturgrammatik und operationale
Satzgliedanalyse. Ffm. 1972. RB
^
Semantik
(snmantikos (semantikos) ›zum Zeichen gehörig‹.
Engl. semantics, frz. sémantique) Bez. für wiss. Teildisziplinen (
u.a. der Philosophie, ð Semiotik und
Ling.), die die ð Bedeutung von ð Zeichen, speziell
von ð Sprachzeichen, erforschen. Im Jahre 1839 begründete
der Altphilologe Ch. K. Reisig eine ð diachronische »
Bedeutungslehre«, die er ð Semasiologie
nannte; der später damit konkurrierende Terminus
›S.‹ stammt von M. Bréal, dessen »Essai de sémantique«
aus dem Jahre 1897 sich themat. nicht von den
semasiolog. Untersuchungen zum ð Bedeutungswandel
unterschied. Der Bréalsche Terminus setzte sich
zunächst im franko- und anglophonen Bereich durch;
bestimmend für seinen langfristigen Erfolg wurde
v.a., daß »semantics« von Ch. W. Morris (1938) als
Bez. derjenigen Teildisziplin der Semiotik eingeführt
wurde, die »sich mit der Beziehung der Zeichen zu
ihren ð Designata beschäftigt«. Er tat dies zu einer
Zeit, als in Amerika die professionelle Ling. strikt antimentalistisch
das Studium der Bedeutung als wiss.
nicht erfaßbar aus der Ling. ausschloß (L. Bloomfield
1935) und »semantics« andererseits das Fahnenwort
einer sprachkrit. und -pädagog. Gesellschaftstheorie
war (ð Allgemeine Semantik). Gleichzeitig hatte in
der frz. und dt. Sprachwiss. F. de Saussures
systembezogene Sprachtheorie Wortschatzuntersuchungen
angeregt, die die Lexembedeutungen in ihren
paradigmat. Relationen betrachten. Die von J. Trier
(1931) entwickelte ð Wortfeldtheorie ermöglichte
neben diachronen auch synchrone Bedeutungsanalysen;
diese wurden von L. Weisgerber, der Triers Ansatz
ausbaute, in den Dienst seiner an W. von Humboldt
anknüpfenden neuromant. Sprachinhaltsforschung (
ð Inhaltbezogene Grammatik) gestellt, später
allerdings auch in die daneben weiterbestehende
Semasiologie aufgenommen. Den krönenden Abschluß
dieser Epoche bildet im Jahre 1957 S. Ullmanns
Monographie »The Principles of Semantics«;
hier hat sich eine an de Saussure anknüpfende, Synchronie
und Diachronie integrierende S. vollgültig
etabliert. - Zu Beginn der 1960er Jahre beginnt die
Epoche der ð strukturellen Semantik, die die
europäische Bedeutungsforschung zur Anwendung
der systemat. Methodik des ð Strukturalismus, den
amerikan. Strukturalismus zur Akzeptanz semant.
Analyseobjekte führte. Zur strukturellen Semantik
zählen: (a) die durch L. Hjelmslevs Sprachtheorie (ð
Glossematik) angestoßene, phonolog. inspirierte
Merkmalsanalyse der ð Inhaltsform von Lexemen
und der ð Bedeutungsstrukturen des Wortschatzes;
(b) die in der USA entwickelte Analyse von Wortbedeutungen
in kleinste kognitive, ggf. universale ð
Komponenten; (c) die von J. Lyons praktizierte Beschreibung
paradigmat. »Sinnrelationen« mit Hilfe
von Satzimplikationen; (d) die im Gefolge der TG
entwickelten Methoden merkmalsorientierter ð Satzsemantik (
ð Interpretative Semantik, ð Generative
Semantik); (e) eine ð Textsemantik der ð Isotopien
und der (u.a. narrativen) Strukturen. Von weitreichender
Bedeutung für die Entwicklung der S. war es, daß
sich die generative Satzsemantik genötigt sah, zur formalen
Beschreibung propositionaler und implikativer
Bedeutungen auf die ð formale Logik zurückzugreifen.
Sie konnte sich dabei auch auf die philosoph. S.
berufen, wie sie v.a.R. Carnap und L. Tarski für die
Analyse künstl. Spr. entwickelt hatten. Für diese lassen
sich uneingeschränkt die Postulate der Kompositionalität
der Bedeutung (ð Frege-Prinzip), die eine
völlige Strukturanalogie von Syntax und S. voraussetzt,
und der Identifizierung der Bedeutung einer
Aussage mit ihren ð Wahrheitsbedingungen behaupten.
Die Übertragung dieser Postulate auf natürl. Spr.
durch R. Montague Anfang der 1970er Jahre rührte
zur Entwicklung der Wahrheitsbedingungen-S., speziell
der ð modelltheoretischen Semantik, die den für
die Referentialität von sprachl. Aussagen wichtigen
Begriff der ð möglichen Welt integrierte. Dieser Ansatz
ist in unterschiedl. Ausarbeitungen - u.a. Zusammenführung
mit der ð
Lambda-Kategoriengrammatik, Einbeziehung wortsemant.
Analysen (D.R. Dowty) - und Weiterentwicklungen -
u.a. ð Situationssemantik, Diskurssemantik
(P.A.M. Seuren) - bis heute dominant für die Vertreter
einer formalen S. (vgl. HSK 6, 1991). Sowohl die
strukturelle als auch die log. S. waren seit den 70er
Jahren heftigen Angriffen ausgesetzt. Einerseits wurde
die Annahme einer durch Wahrheitsbedingungen oder
distinktive Merkmale vollständig charakterisierten
Bedeutung durch philosoph. Argumente (H. Putnam)
und psycholog. Experimente (E. Rosch) in Frage gestellt
und erwies sich angesichts der vorgeschlagenen
Alternativen ð Stereotypensemantik und ð Prototypensemantik
als revisionsbedürftig. Andererseits
wurde unter Berufung auf L. Wittgensteins ð Gebrauchstheorie
der Bedeutung die Berechtigung (oder
schwächer: die Reichweite) einer System-S. problematisiert;
die pragmaling. Faszination durch die kreative
Vielfalt der ð Äußerungsbedeutungen ließ die
Systembedeutung der Lexeme zur unexplizierten ð
Gebrauchsregel verblassen. Zudem erschloß die Theorie
der ð Sprechakte der S. neue Bereiche: Da sie
nicht nur die ð konstative Verwendung von ð Deklarativsätzen,
sondern den ð performativen Gebrauch
aller Satzarten im vollen Spektrum der Handlungsfunktionen
untersucht, stellt sich die Frage, inwieweit
der »kommunikative Sinn« (M. Bierwisch
1980) von Sätzen schon in ihrer Systembedeutung angelegt
ist. Nach unterschiedl. Versuchen, sowohl die
Pragmatik zu semantisieren (z.B. die »performative
Analyse« von J. Ross; ð Hypersatz) als auch die S.
zu pragmatisieren (z.B. die »Prakt. S.« von H.J. Heringer),
sieht man heute zumeist den kommunikativen
Sinn als Ergebnis der Interaktion unterschiedl. ›modularer‹
Kenntnissysteme, deren eines die abstrakten Bedeutungspotentiale
von sprachl. Ausdrücken umfaßt.
Der Grenzverlauf zwischen S. und Pragmatik ist im
Einzelfall allerdings noch kontrovers (vgl. die neuere
Diskussion zum ð Satzmodus; ð Modus). - Der Begriff
der ð Modularität von Kenntnissystemen wird
ebenfalls herangezogen, um die alte Frage nach dem
Verhältnis von sprachl. und konzeptuellem Wissen zu
beantworten, die im Rahmen der ð kognitiven Linguistik
an Aktualität und empir. Gehalt gewonnen
hat. Während der Versuch, beide Bereiche durch die
Annahme einer muttersprachl. determinierten Kognition (
Sprachinhaltsforschung, ð Sapir-Whorf-Hypothese)
zu verschmelzen, der Vergangenheit angehört,
steht heute der entgegengesetzten »holist.« Auffassung
kognitiv determinierter Sprachstrukturen (R.
Jackendorff, R.W. Langacker) die Hypothese zweier
modularer Kenntnissysteme (z.B.M. Bierwisch & E.
Lang) gegenüber. Ein »semimodulares« Modell vertritt
M. Schwarz, indem sie die S. als »Schnittstelle«
betrachtet, welche konzeptuellen Repräsentationen
sprachl. Strukturen zuordnet, so daß sich die konzeptuelle
und die semant. Struktur »nur der Form nach,
nicht aber in ihrer Substanz« unterscheiden (1992,
98). Mit der Kombination von systemling. Modellbildungen,
computerling. Simulationen, psycholing.
»off-line«-Experimenten und neuroling. »on-line«Untersuchungen
arbeitet die kognitive S. vor allem an
zwei Aufgaben: (a) an der Entschlüsselung der Struktur
und Funktionsweise des zumeist als Netzwerk (ð
Semantisches Netz) modellierten semant. ð Gedächtnisses (
ð Mentales Lexikon 1), wobei dessen Architektur
v.a. aus empir. Daten zur lexikal. Aktivierung
(ð Sprachwahrnehmung) und Störung (ð Aphasie)
erschlossen werden soll; (b) an der Rekonstruktion
der »Bedeutungskonstitution« (B. Rieger) bei der
Produktion und Rezeption von Texten (ð Textverarbeitung
2). Die hier in Kooperation mit der Forschung
zur ð künstlichen Intelligenz gewonnenen Ergebnisse
haben das Verständnis für die prozessuale Struktur
der Textbedeutung (ð Bedeutung 4) entscheidend
vertieft; diese ist i.d.R. nicht einfach ein stat. Gefüge
von Propositionen (ð Makrostruktur, ð Textbasis),
sondern darauf angelegt, daß Rezipienten mittels ð
Inferenzen (2) (Rickheit & Strohner 1985) konzeptuelle
Strukturen (mentale Modelle, ð Wissensrepräsentation,
ð Schema, ð Scripts, ð Rahmen)
aktivieren, die zur Herstellung von ð Textkohärenz
und zur Komplettierung des Textsinnes (ð Sinn 6)
erforderlich sind.
& Lit. L. Bloomfield, Language. Ldn. 1935. - Ch.
W. Morris, Foundations of the Theory of Signs, Chicago
1938. - Ders., Signs, Language, and Behavior.
N.Y. 21955. - R. Carnap, Meaning and Necessity.
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Wien, N.Y. 1954. - S. Ullmann, The Principles of
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1967. - J.J. Katz, Semantic Theory. N.Y. 1972. H.
J. Heringer, Prakt. S. Stgt. 1974. - R.M. Kempson,
Semantic Theory. Cambridge 1976. - D. Viehweger
(u.a.), Probleme der semant. Analyse. Bln. 1977. - J.
Lyons, Semantics. 2 Bde. Cambridge 1977. Dt.: S. 2
Bde. Mchn. 1980, 1983. - H. Hörmann, Meinen und
Verstehen. Ffm. 1978. - D.R. Dowty, World Meaning
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Bierwisch, Semantic Structure and Illocutionary
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1-35. - H.E. Wiegand & W. Wolski, Lexikal. S.
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Jackendorff, Semantics and Cognition. Cambridge,
Mass. 1983. - P.A.M. Seuren, Dicourse Semantics.
Oxford 1985. - P.R. Lutzeier, Ling. S. Stgt. 1985. G.
Rickheit & H. Strohner (eds.), Inferences in Text
Processing. Amsterdam 1985. - B. Rieger (Hg.), Dynamik
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1985. - M. Bierwisch & E. Lang, Grammat. und konzeptuelle
Aspekte von Dimensionadjektiven. Bln.
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Tübingen 1988. - HSK 6, 1991. - J. Lyons, Bedeutungstheorien.
HSK 6, 1991, 1-24. - D. Wunderlich,
Bedeutung und Gebrauch. HSK 6, 1991, 32-52. - G.
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1991, 53-70. - M. Schwarz, Kognitive S.theorie und
neuropsycholog. Realität. Tübingen 1992. - M.
Schwarz & J. Chur, S. Ein Arbeitsbuch. Tübingen
21996. - A. Wierzbicka, Semantics. Oxford, N.Y.
1996. - J. Aitchison, Wörter im Kopf. Tübingen
1997. - Weitere Lit. ð Bedeutung, ð Semasiologie.
RB
^
Semantische Relation
(auch: Bedeutungsbeziehung) Oberbegriff für intensionale
Beziehungen (ð Intension) zwischen Lexemoder
Satz-Einheiten.
1. Paradigmat. »Sinnrelationen« (Lyons 1963, 1977)
der Über-/Unterordnung (ð Hyperonymie, ð Hyponymie,
ð Partonymie), der Übereinstimmung (ð Homoionymie,
ð Synonymie) und des Gegensatzes (ð
Antonymie, Inkonymie bzw. ð Inkompatibilität, ð
Komplementarität, ð Konversion); man definiert sie
u.a. mit Hilfe log. Operationen wie ð Implikation
und ð Negation. Die Analyse aller s.R. eines (virtuellen)
ð Wortfelds expliziert dessen semant. Struktur
sowie den semant. »Wert« (»valeur«, de Saussure
1916) seiner Elemente. Die gleichen Begriffe lassen
sich ebenfalls auf die Relationen kontextuell determinierter
Bedeutungen anwenden (Lyons 1963: »kontextuelle
Synonymie«). Dies ist möglich, da sich die
Untersuchung von s.R. sowohl im aktuellen wie im
virtuellen Fall auf monoseme Bedeutungen (ð
Semem, ð Disambiguierung) bezieht und lexikal.
Mehrdeutigkeit (ð Ambiguität, ð Vagheit) ausgespart
wird.
2. Syntagmat. Sinnrelationen wurden von Porzig
(1934) und Coseriu (1967) i.S. bevorzugter ð
Kollokationen von Prädikaten und Ergänzungen beschrieben,
z.B. Blond ist: Haar. Es fällen: Menschen
Bäume. Die ältere generative Sprachtheorie (z.B.
Katz & Fodor 1963, Chomsky, Aspects) erfaßt sie dagegen
unter restriktivem Aspekt: Selektionsmerkmale
von Verben beschränken die Wahl von Komplementen
und verhindern die Generierung von Sätzen wie
*Der Aufsatz trinkt Steine; ð Selektionsbeschränkung. <
br>
& Lit. E. Coseriu, Lexikal. Solidaritäten. Poetica 1,
1967, 293-303. - J. Katz & J.A. Fodor, The Structure
of a Semantic Theory. Lg. 39, 1963, 170-210. - J.
Lyons, Structural Semantics. Oxford 1963. - J.
Lyons, Semantics. Vol. 1. Cambridge 1977. - W.
Porzig, Wesenhafte Bedeutungsbeziehungen. PBB
58, 1934, 70-97. - De Saussure, Cours. RB
^
Semantischer Prozeß
Bei U. Weinreich der regelgeleitete Prozeß, den generalisierte
ð Phrasemarker bei der semant. Interpretation
durchlaufen. Er besteht aus zwei Komponenten:
(a) Der Kalkulator verteilt ð semantische Merkmale
entlang dem Phrasemarker (ð Projektionsregel),
überträgt kontextuelle Merkmale, tilgt Redundantes
und kennzeichnet Widersprüchliches. (b) Der Evaluator
bewertet die Normalität des Satzes und blockiert
ggf. die Interpretation.
& Lit. U. Weinreich, Erkundungen zur Theorie der
Semantik. Tübingen 1970. RB
[Lexikon Sprache: Semantische Komponente, S. 1 ff. Digitale Bibliothek Band 34: Metzler Lexikon Sprache, S. 8539 (vgl. MLSpr, S. 620 ff.) (c) J.B. Metzler Verlag]
^
Semantisches Merkmal
(auch: ð semantische Komponente. Engl. semantic
feature) In der ð strukturellen Semantik der kleinste
Bestandteil von Lexembedeutungen. Als ð Seme
sind s.M. minimaldistinktive Einheiten, die bei einer
einzelsprachl., ð semasiolog. Analyse von lexikal.
Paradigmen, Kollokationen und Bedeutungsvarianten
(ð Semem) gewonnen werden: Pfanne1 [Gefäß, zum
Braten] - Pfanne2 [Fleischgericht, gebraten] - Pfanne.
3...i. Topf1 [Gefäß, zum Kochen] Topf2 [Gefäß,
zum Aufbewahren] - Topf3...i. Femer können auch
paradigmaübergreifende generelle S.M. (ð Klassem,
ð Semantic marker) abstrahiert werden: z.B. [±
menschlich] oder [± zählbar]. Eine derartige Notation
betont den metasprachl. Status des s.M., zeigt aber
auch seine Bindung an die einzelsprachl. Lexik sowie
an deren denotative (und konnotative: Pott [norddt.],
[ugs.]) Funktion. Demgegenüber gelten s.M. in onomasiolog.
Perspektive als außereinzelsprachl. Elemente
eines Begriffsystems, als interlinguale ð
Noeme oder begriffl. ð Komponenten interkulturell
vergleichbarer Klassifikationen (z.B. von Verwandtschaftsbeziehungen).
Oft wird für s.M. (bes. im Umkreis
ð generativer und ð kognitiver Sprachtheorien)
der Anspruch erhoben, sie seien universale,
möglicherweise konzeptuelle Größen; und ferner: alle
einzelsprachl. Sememe seien dekomponierbar in eine
begrenzte Menge »atomarer« semant./konzeptueller
Bausteine (so schon in Hjelmslev (1943) Kombinatorik
einster
figurae). Massive Kritik an den s.M. betraf
v.a. die zugrundeliegende strukturalist. Konzeption
eines homogenen Systems statischer, kontext- und
variationsfreier, aus einer »check-list« definitor., zumeist
ð binärer M. bestehender Bedeutungen, Wenn
man hingegen s.M. als multidimensional (individuell,
situativ, stilist. etc.) variable Gebrauchsbedingungen
(Lüdi 1985) auffaßt, die sich außer(einzel)sprachl.
Korrelaten unterschiedl. Art, Dimension, Komplexität
etc. je unterschiedl. zuordnen lassen, wenn man deshalb
keine starre Dichotomie zwischen ð distinktiven
und enzyklopädischen M. postuliert und Distinktivität
eher als Funktion bestimmter Gebrauchskontexte ansieht,
wenn man ferner Abstufungen ihrer Relevanz
zuläßt und zumindest zwischen »definierenden« und
»charakterisierenden/stereotypen« M. differenziert (ð
Prototyp, ð Vagheit): dann bleiben s.M. theoret. und
prakt.-lexikograph. unverzichtbare Bestandteile der
semant. Beschreibung; ð Klassem, ð Noem, ð
Sem, ð Semem, ð Komponentenanalyse, ð Strukturelle
Semantik.
& Lit. L. Hjelmslev, Prolegomena zu einer Sprachtheorie. (
Kopenhagen 1943) Mchn. 1974. - K. Heger,
Monem, Wort, Satz und Text. Tübingen 1976. - H.
Henne, Semantik und Lexikographie. Bln., N.Y.
1972. - W. Lorenz & G. Wotjak, Zum Verhältnis
von Abbild und Bedeutung. Bln. 1977. - E. Coseriu
& H. Geckeler, Trends in Structural Semantics. Tübingen
1981. - G. Lüdi, Zur Zerlegbarkeit von Wortbedeutungen.
In: C. Schwarze & D. Wunderlich
(Hgg.), Hdb. der Lexikologie. Königstein 1985,
64-102. - Th. Schippan, Lexikologie der dt. Gegenwartsspr.
Tübingen 1992. RB
^
* Semantisches Feld
Semantisches Feld entsteht unter folgenden Bedingungen:
a) alle Wörter müssen dem gleichen SPrachsystem angehören
b) alle Wörter müssen den gleichen Wortklassen angehören
c) jedem Wort des Feldes muss im Lexikonein Inhalt
zugeordnet werden können, der mit den Inhalten aller anderer
Wörter der Gruppe mindestens ein §_semantisches Merkmal gemeinsam hat.
Es gibt drei Arten von semanischen Feldern:
- hierarchische, wenn sie ein §_Hyperonym:
Möbel - Stuhl, Schrank, Tisch, ...
- nicht hierarchische:
Mutter, Vater, Sohn, Onkel, Oma, ... (ohne Hyperonym)
-antonyme (komplementäre) Wortpaare: groß - klein, ...
ein semantisches Feld wird beschrieben durch die Festlegung
eines Kontextes, innerhalb dessen den AusdrückenInhalte zugeordnet werden,
die feldintern sind: Bank (Geld einzahlen) versus Bank (sich darauf setzen und ausruhen).
^
Semasiologie
(griech. snmasia (semasia) ›das Bezeichnen; Zeichen‹
Auch: Bedeutungslehre)
1. Geprägt von Ch. K. Reisig (1839) zur Bez. einer
auf den ð Bedeutungswandel konzentrierten »Bedeutungslehre«,
blieb der Terminus ›S.‹ in diesem Sinne
gebräuchl. im 19. Jh. und in der 1. Hälfte des 20. Jh.,
hier allerdings in Konkurrenz mit dem jüngeren synonymen
Ausdruck ð Semantik, der sich zunächst außerhalb
der Sprachwiss. durchsetzte, wegen der dort
entwickelten Nebenbedeutungen jedoch von Linguisten
oft als zu uneindeutig abgelehnt wurde. So hält
Th. Schippan bis 1975 an der Bez. ›S.‹ für eine Wiss.
von der Wortbedeutung fest, die (schon bei H. Kronasser
1952) ihre diachronische Ausrichtung in die ð
Synchronie ausgeweitet, die Einzelwort-Perspektive
durch die Analyse von ð Wortfeldern ersetzt, die älteren
log. und psycholog. durch kultur- und sachbezogene (
ð Wörter und Sachen, ð Onomasiologie) Untersuchungsmethoden
ergänzt und sich (in den 1960er
Jahren) mit der strukturellen Merkmalsanalyse angefreundet,
kurz: sich zur ð Lexikologie bzw. ð lexikalischen
Semantik entwickelt hatte.
2. In deren Rahmen überlebt der Terminus ›S.‹ zur
Bez. eines method. Teilbereichs, nämlich der
(synchronen und diachronen) Untersuchung von lexikal.
ð Bedeutungsstrukturen - im Ggs. zur onomasiolog.
Fragestellung nach den lexikal. Bezeichnungsmöglichkeiten
für außersprachl. gegebene ›Gegenstände‹.
Die strukturelle S. ermittelt die Gesamtbedeutung (
ð Signifikat) von ð Lexemen, analysiert
sie in ð semantische Merkmale (ð Sem) und strukturiert
sie ggf. zu einem semasiolog. ð Paradigma
aus Teilbedeutungen (ð Semem), beschreibt dessen
interne Relationen (ð Polysemie, ð Homonymie, ð
Multisemie) sowie die externen Relationen (z.B. ð
Synonymie, ð Hyponymie) der Sememe innerhalb
der onomasiolog. Paradigmen (Wortfelder), denen sie
angehören. Die lexikograph. Darbietungsform semasiolog.
Wortschatzbeschreibungen ist das alphabet.
Wb.
& Lit. Ch. K. Reisig, Vorlesungen über lat. Sprachwiss.
Lpz. 1839. - H. Kronasser, Hdb. der S. Heidelberg
1952. - K. Baldinger, Die S. Versuch eines
Überblicks. Bln. 1957. - Ders., Sémasiologie et onomasiologie.
RLR 28, 1964, 249-272. - H.E. Wiegand,
Synchron. Onomasiologie und Semasiologie.
GermL 3, 1970, 243-384. - H. Henne, Semantik und
Lexikographie. Bln., N.Y. 1972. - Th. Schippan,
Einf. in die S. Lpz. 1972, - 21975. - K. Heger,
Monem, Wort, Satz und Text. Tübingen 21976. - W.
Bahner (u.a.) (Hgg.), Aspekte und Probleme
semasiolog. Sprachbetrachtung in synchron. und diachron.
Sicht. Bln. 1983. - Th. Schippan, Lexikologie
der dt. Gegenwartsspr. Tübingen 1992. RB
^
Semem n.
(frz. sème ›Zeichen‹, Virtualitäts-Suffix -em; ð
emisch)
1. Im von A. Noreen (1923) eingeführten und von L.
Bloomfield (Language, N.Y. 1933) adaptierten Sinn:
virtuelle Bedeutung eines Zeichens/Morphems; ð Signifikat.
2. Ebenso bei B. Pottier (1964) und A.J. Greimas
(1966), aber gedacht als »ensemble de sèmes« (ð
Sem), bei Greimas mit der Unterscheidung von
»Kern«- und »Kontext«-Semem.
3. Seit K. Heger (1964) und G.F. Meier (1964) allgemein
akzeptierter Terminus für die Teilbedeutungen
nicht-monosemer Lexeme: Bei ihnen gliedert sich das
Signifikat nach Heger (1976, 42) in disjunkte S., die
ihrerseits Sem-Konjunkte (und in vielen Fällen, z.B.
bei Verben, strukturierte Sem-Konfigurationen) bilden.
In noemat. Perspektive (Meier 1964) sind S.
sprachspezif. Kombinationen konzeptueller ð
Noeme. Über ihre S. sind polyseme (ð Polysemie)
Lexeme i.d.R. in unterschiedl. lexikal. Paradigmata
integriert (ð Hyponymie, ð Hyperonymie); ð lexikalische
Bedeutung.
& Lit. A. Noreen, Einf. in die wiss. Betrachtung der
Spr. Halle 1923. - K. Heger, Monem, Wort, Satz und
Text. Tübingen 1976. Weitere Lit. ð Strukturelle Semantik,
ð Sem, ð Noem. RB
^
Volksetymologie Beisp.
(auch: Pseudoetymologie, Remotivation. Engl. folk,
popular etymology, frz. etymologie populaire) Häufig
abschätzig bewertete Form der ð Etymologie, durch
die ein in seiner Herkunft undurchsichtiges Lexem
bzw. ein Lexembestandteil inhaltl. gedeutet und/oder
nach dem Vorbild eines Lexems bzw. Lexembestandteils
mit ähnl. Form und/oder Bedeutung umgeformt
wird und dadurch eine relative Motiviertheit erfährt.
So wird z.B. ahd. mûlwerfo ›Haufenwerfer‹, mhd.
moltwerf/mûlwerf/mûlwurf ›Erdwerfer‹ volksetymolog.
umgedeutet und umgeformt zu nhd. Maulwurf
oder mhd. sin(t)vluot ›andauernde/umfassende Flut‹
zu Sündflut.
& Lit. K.G. Andresen, Über dt. V. Lpz. 71919. - G.
Antos, Laien-Linguistik. Tübingen 1996. - H. Olschansky,
V. Tübingen 1996 (mit einer annotierten
Bibl. von rd. 3000 Titeln). SH
^
Wortfamilie
(auch: Wortsippe. Engl. word family, frz. famille des
mots) Während ein ð Wortfeld durch einen gleichen
bzw. ähnl. Inhalt einer Menge formal verschiedener
Wörter bzw. Lexeme konstituiert wird, ist es im Falle
der W. primär die Form, durch die einer Menge von
komplexen Wörtern bzw. Lexemen eine (gleichsam
verwandtschaftl.) Zusammengehörigkeit bescheinigt
wird. Solche Verwandtschaft, die sich in einem gleichen
oder ähnl. ð Wortstamm, ð Grundmorphem
bzw. Bauelement ausdrückt, wird zum einen streng
diachron, d.h. ausschließl. mit Hilfe der ð Etymologie
begründet, zum anderen nach dem Kriterium der
relativen ð Motiviertheit. Streng diachron betrachtet
gehören zu einer W. alle Wörter bzw. Lexeme, die
sich auf dieselbe etymolog. ð Wurzel zurückführen
lassen, d.h.z.B. im Falle des Grundmorphems {fahr}
neben fahren, abfahren, nachfahren, Fahrt, Gefährt
auch führen, Fuhre, Furt, Förde. Nach dem (synchron
begründeten) Kriterium der relativen Motiviertheit
zählen zu einer W. (nur) solche Wörter bzw. Lexeme,
die nach dem Prinzip der Durchsichtigkeit (für
etymolog. nicht geschulte Sprachteilhaber) formal erkennbar
zusammengehören. Danach gehören führen,
Fuhre, Furt, Förde nicht zur W. von fahren, danach
werden andererseits Wörter bzw. Lexeme zu W.
gerechnet, auch wenn sie aufgrund ihrer ð Etymologie
anderer Herkunft sind, wie z.B. Kreisel (ehem.
Kräusel) zur W. von {kreis}, und zwar in Analogie
zu kreisen; ð Etymologie, ð Volksetymologie, ð
Etymologisches Wörterbuch, ð Wortbildung, ð
Wortfamilienwörterbuch.
& Lit. G. Augst, Motivationstypen und diasystemat.
Differenzierung der semant. Motiviertheit. In: E. Bremer &
R. Hildebrandt (Hgg.), Stand und Aufgaben
der dt. Dialektlexikographie. Bln., N.Y. 1996,
17-28. - G. Augst, Wort - Wortfamilie - Wortfamilienwörterbuch.
In: F.-J. Berens & R. Wimmer (Hgg.),
Wortbildung und Phraseologie. Tübingen 1997,
89-113. Weitere Lit. ð Wortfamilienwörterbuch. SH
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Wortfeld Beisp.
(auch: Bedeutungsfeld, Begriffsfeld, Sachfeld, lexikalisches
Feld, Sinnbezirk. Engl. lexical field, frz.
champ lexical) Im Ggs. zur ð Wortfamilie, bei der
ein gleicher bzw. ähnl. Stamm die Zusammengehörigkeit
verschiedener Wörter bzw. Lexeme begründet,
handelt es sich beim W. um eine Menge von partiell
synonymen Wörtern bzw. Lexemen, d.h. Lexemen mit
einem gleichen bzw. ähnl. Inhalt bzw. Bedeutungskern.
So bilden z.B. die Lexeme sterben, verscheiden,
erfrieren, verhungern, abkratzen u.a. das W.
›Zuendegehen des Lebens‹, die Lexeme laufen, rennen,
wandern, pilgern, spazieren, schlendern u.a.
das W. ›Fortbewegung‹. In Fällen, in denen es sich
um eine Menge gleichgearteter und/oder gleichfunktionaler
Gegenstände bzw. Sachen handelt, spricht
man bisweilen auch von »Sachfeld«, z.B. beim Feld
›Sitzmöbel‹: Stuhl, Hocker, Schemel, Sessel, Bank,
Sofa u.a. Grundgedanke der Theorie vom W. ist die
Hypothese, daß (a) sich der gesamte Wortschatz einer
Spr. in Felder ordnen läßt (Prinzip der Ganzheit), daß
(b) die zu einem Feld gehörenden Lexeme dessen Bedeutungsspektrum
lückenlos abdecken (Prinzip der
Lückenlosigkeit), daß (c) die Lexeme eines Feldes
eine Hierarchie bilden (Prinzip der hierarch. Ordnung)
und daß (d) sich die Bedeutungen der Lexeme
eines Feldes wechselseitig bestimmen (Prinzip der
wechselseitigen Bedeutungsbestimmung). Gängige
Methode zur Ordnung und Differenzierung von W. ist
die Merkmalanalyse, wie sie etwa von Baumgärtner
(1967), Hundsnurscher (21971) oder Coseriu (1979)
vorgeführt wird. So wird z.B. das bedeutungsunspezif.
Lexem sterben etwa spezifiziert durch die Merkmale ›
durch Mangel an Nahrung‹ (verhungern),
›durch Mangel an Flüssigkeit‹ (verdursten), ›durch
Mangel an Luft‹ (ersticken), ›durch Mangel an Blut‹
(verbluten) oder durch die Merkmale ›durch Einwirkung
von Kälte‹ (erfrieren), ›von Hitze‹
(verbrennen). So umstritten auf der einen Seite Methoden
und Ergebnisse der bisherigen W.theorie sind,
so kommt ihr auf der anderen Seite ohne Zweifel das
Verdienst zu, einen wichtigen Beitrag zur Aufdeckung
und Beschreibung der zwischen den Lexemen des
Wortschatzes bestehenden semant. Beziehungen geleistet
zu haben; ð Onomasiologie, ð Semantik, ð
Synonymie.
& Lit. J. Trier, Der dt. Wortschatz im Sinnbezirk
des Verstandes. Die Geschichte eines sprachl. Feldes.
I. Heidelberg 1931. - K. Baumgärtner, Die Struktur
des Bedeutungsfeldes. In: Satz und Wort im heutigen
Dt. Ddf. 1967, 165-197. - E. Coseriu, Lexikal. Solidaritäten.
Poetica 1, 1967, 293-303. - R. Hoberg,
Die Lehre vom sprachl. Feld. Ddf. 1970. - F.
Hundsnurscher, Neuere Methoden der Semantik. Tübingen
21971. - H. Geckeler, Strukturelle Semantik
und W.theorie. Mchn. 1971. - L. Schmidt (Hg.),
W.forschung. Zur Geschichte und Theorie des
sprachl. Feldes. Darmstadt 1973. - J. Trier, Aufsätze
und Vorträge zur W.theorie. Darmstadt 1973. - E.
Coseriu, Zur Vorgeschichte der strukturellen Semantik:
Heyses Analyse des W. ›Schall‹. In: Ders., Sprache -
Strukturen und Funktionen. Tübingen 1979,
149-159. - G.L. Karcher, Kontrastive Untersuchung
von W. im Dt. und Engl. Ffm. 1979. - P.R. Lutzeier,
Wort und Feld. Tübingen 1981. - H. Schumacher
(Hg.), Verben in Feldern. Valenzwb. zur Syntax und
Semantik dt. Verben. Bln. 1986. - P.R. Lutzeier
(Hg.), Studien zur W.theorie. Tübingen 1993. SH
^
Wortschatz
(auch: Lexik, Vokabular, Wortbestand. Engl. vocabulary,
frz. vocabulaire) Gesamtheit der ð Wörter bzw.
ð Lexeme einer Spr. bzw. einer Sprachgemeinschaft
(zu einem bestimmten Zeitpunkt), die damit das ð
Lexikon (1) dieser Spr. bilden. Für das Ahd. rechnen
wir mit einem durch Quellen belegten W. von rd.
32000 Wörtern, für das Mhd. mit einem W. von rd.
90000 und für das Frühnhd. mit einem W. von rd.
150000 Wörtern. Strittig ist, wie sich die jeweilige
Gesamtheit zusammensetzt, was jeweils als Element
zu zählen ist. Das zeigen quantitative Angaben über
den W. der dt. Gegenwartsspr., die zwischen 300000
und 500000 Lexemen schwanken. Unklar ist z.B., in
welchem Umfang mitgezählt werden: ð Ableitungen
und ð Komposita sowie fachsprachl., sondersprachl.,
regionale lexikal. Einheiten. Das Deutsche Wörterbuch
der Brüder Grimm enthält rd. 500000 Stichwörter
bzw. ð Lemmata; neuere große Wbb. der dt. Gegenwartsspr.
enthalten 100000 bis 200000 Lemmata.
Der allgemein gebräuchl. W. der dt. Standardspr. umfaßt
rd. 75000, der aktive W. des einzelnen Sprechers
im Durchschnitt rd. 8-10000 Wörter. Der W. ist einerseits
Gegenstand der ð Lexikologie, die ihn in
Hinblick auf seine Geschichte, Zusammensetzung und
Struktur untersucht und beschreibt, andererseits
Gegenstand der ð Lexikographie, die ihn in jeweils
bestimmten Ausschnitten in ð Wörterbüchern erfaßt.
Wie entsprechende Wbb.typen zeigen, läßt sich der
W. einer Spr. nach verschiedenen Gesichtspunkten
gliedern: (a) nach Sprachstadien (z.B. ahd., mhd.,
frühnhd., nhd.), (b) nach Herkunft (Erbwortschatz vs.
entlehnter W.; ð Entlehnung), (c) nach ð Varietäten
(z.B. standard-, regional-, sonder-, fachsprachl. W.),
(d) nach Häufigkeiten des Gebrauchs in Texten (ð
Frequenzwörterbuch, ð Grundwortschatz), (e) nach
Bildungstypen (ð Simplex vs. ð Ableitung, ð
Komposition, ð Wortfamilie), (f) nach Bedeutungsgruppen
bzw. ð Wortfeldern. Umstritten ist, wie W.
und ð Grammatik als die beiden Hauptkomponenten
des ð Sprachsystems aufeinander bezogen bzw. miteinander
verschränkt sind. Zwar existieren aus eher
prakt. Gründen Grammatiken und Wbb. nebeneinander,
es ist aber offenkundig, daß eine strikte Trennung
künstl. ist: Wbb. enthalten in großem Umfang grammat.
Angaben, Grammatiken präsentieren in großem
Umfang Lexik, sind bei der Darstellung von Morphologie
und Syntax auf die Einbeziehung von Lexik notwendig
angewiesen. Während jüngere Grammatiktheorien (
wie etwa die Generative Grammatik) postulieren,
daß die Grammatik das Lexikon als Komponente
einschließt, wird innerhalb der ð Wörterbuchforschung
die These vertreten, die gesamte
Grammatik ließe sich durchaus im Wb. darstellen.
& Lit. F. Dornseiff, Der dt. W. nach Sachgruppen.
Bln. 61965. - E. Schwarz, Kurze dt. Wortgeschichte.
Darmstadt 1967. - Wehrle-Eggers: Dt. W. Stgt.
131967. - E. Coseriu, Einführung in die strukturelle
Betrachtung des W. Tübingen 21973. - M.D. Stepanowa,
Methoden der synchronen W.analyse. Mchn.
1973. - O. Reichmann, Germanist. Lexikologie. Stgt.
21982. - A. Dauses, Grundbegriffe der Lexematik.
Methoden und Probleme der W. - Betrachtung in
Synchronie und Diachronie. Stgt. 1989. - G. Harras
(Hg.), Die Ordnung der Wörter. Kognitive und lexikal.
Strukturen. Bln., N.Y. 1995. - Duden, Gr5,
540-589. - I. Pohl & H. Ehrhardt (Hgg.), Wort und
Wortschatz. Tübingen 1995. SH
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