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Definitionen einiger wichtigsten Fachbegriffe
nach Glück, Helmut (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 2. Aufl. Stuttgart [u.a.] 2000.
* Homberger, Dietrich: Sachwörterbuch zur Sprachwissenschaft, Stuttgart 2003.
Die Angaben der genannten Handbücher werden in folgenden Auszügen nur in Auswahl skizziert; für die vollständigen Informationen sind die Werke selbst heranzuziehen.

Assimilation
Assimilationskette
Bedeutung
Bedeutungsentlehnung
Bedeutungserweiterung
Bedeutungsübertragung
Bedeutungsverbesserung
Bedeutungsverengung
Bedeutungsverschlechterung
Bedeutungsverschmelzung
Bedeutungswandel
Dissimilation
Distinktiv
Erbwortschatz
Etymologie
Extension, extensional
historische Grammatik
historische Semantik
historische Sprachwissenschaft
historisch vergleichende Sprachwissenschaft
Hyperonym
Hyponym
Intension
Lehnbedeutung
Lehnbildung
Lehngut
Lehnpräfix
Lehnprägung
Lehnschöpfung
Lehnsuffix
Lehnübersetzung
Lehnübertragung
Lehnwort
Lehnwortbildung
Lehnwortschatz
Sem
Semantem
Semantik
semantische Relation
semantischer Prozess
semantisches Merkmal
semantisches Feld
Semasiologie
Semem
Volksetymologie
Wortfamilie
wortfeld
Wortschatz


^ Assimilation Beisp.
(lat. assimilis ›sehr ähnlich‹ Auch: Akkomodation, Angleichung) Lautwandelprozeß/-ergebnis bzw. phonolog. Prozeß (bzw. dessen Ergebnis) der Angleichung zwischen Lautsegmenten in einer Sequenz bezügl. eines oder mehrerer Merkmale (meist im Sinne artikulator. Vereinfachung; ð Koartikulation). Man unterscheidet: (nach Richtung der Angleichung) progressive A. bei angeglichenem Folgelaut (z.B. mhd. zimber > nhd. Zimmer), regressive A. bei Angleichung an den Folgelaut (dt. /fynf/ umgangssprachl. [fymf]) und reziproke A. bei Ersetzung beider Laute durch einen durch gegenseitige Anpassung unterschiedl. Ausgangsmerkmale entstandenen Laut (z.B. ahd. fisk > mhd. visch); (nach Merkmalsübereinstimmung): totale A., d.h. Produkt der A. gleich dem auslösenden Laut vs. partielle A.; (bezügl. der sequentiellen Nähe der beteiligten Segmente): Kontakt-A. bei benachbarten Lauten, Fern-A. bei nichtbenachbarten ( z.B. ahd. ð Umlaut wie in ahd. *gasti > gesti (Pl. von gast). PM

^ Assimilationskette
Folge von ð Assimilationen zwischen Vokalen der Haupttonsilbe und der Endsilbe, die sich an lautphysiolog. Gegebenheiten, an bestimmten Artikulationspositionen ( obere, hintere, mittlere Laute) und an den Akzententwicklungen, insbes. an den jeweiligen Akzentverhältnissen zwischen den betroffenen Silben, orientiert. Es korrespondieren dabei jeweils phasenweise Kontakt- und Fernassimilationen: einer Kontaktassimilation e/i > î (idg. *deikonom > germ. *tîhan) entspricht eine Fernassimilation e > i vor i (germ. *nemiz > westgerm. *nimiz); eine Gegenbewegung aus demselben Prinzip führt zu i > e vor a, e, o der Folgesilbe (idg. *viros > germ. *wiraz > westgerm. * weraz). In diese Folge stellt sich auch der ahd. i-Umlaut: Auch hier folgt einer gleichgeordneten Kontaktassimilation (westgerm. *stains > ahd. stein) die entsprechende Fernassimilation (westgerm. *gastiz > ahd. gesti). Diese gesetzhafte Assimilationskette liefert auch eine Erklärungsbasis für spätere fernassimilator. Umlautfälle, bei denen nicht i, sondern e in der Endsilbe erscheint wie bei ahd. hôren > mhd. hœren oder ahd. wânen > mhd. wænen. Damit lassen sich auch Umlaute in Wörtern phonet. erklären, die erst in mhd. Zeit ins Dt. gelangt waren, wie ketzer < lat. catharus oder mhd. korper/körper < lat. corpus.
& Lit. G. Schweikle, Germ.-dt. Sprachgeschichte. Stgt. 31990, § 16. SE

^ Bedeutung
(engl. meaning, frz. signification, sens) Zentraler Begriff der ð Semiotik, da ð Zeichen durch ihre B. definiert sind: Alles sinnl. Wahrnehmbare kann ein ð Zeichenausdruck sein, sofern es für Interaktanten etwas anderes, i.d.R. nicht unmittelbar Gegebenes repräsentiert. Aus den unterschiedl. Modi und der Komplexität dieser Repräsentation ergibt sich der große Facettenreichtum des B.-Begriffs (vgl. C.K. Ogden & I.A. Richards), der noch durch die strukturelle Polysemie von Bedeutung vermehrt wird: In allen sachbezogenen Spielarten begegnen Objekt- und Relations-Lesarten, darüber hinaus auch Funktions-Lesarten von ›B.‹.
1. Entsprechend den Zeichentypen ð Index (1), ð Ikon und ð Symbol (2) läßt sich zwischen indexikal. (auf ð Kontiguität beruhender), ikon. (abbildhafter) und symbol. (konventionell-arbiträrer) B. unterscheiden. Zwar ist für ð Sprachzeichen wegen ihrer von F. de Saussure konstatierten ð Arbitrarität die symbol. B. kennzeichnend, doch haben Sprachzeichen aller Ebenen auch indexikal. und ikon. B. Indexikal. sind z.B. ihre symptomat. ð Konnotationen (2) (hinsichtl. Herkunft, Bildung, Einstellungen, Seelenzustand usw. des Sprechers) sowie die »deikt. B.« der Pronomina und vieler Adverbien (ð Deixis). Ikon. B. haben Texte, die symbol. dargestellte Sachverhalte auch substantiell (z.B. phon. oder zeitl.) oder kompositionell (» diagrammat.«) abbilden. Nicht alle, aber doch sehr viele indexikal. und ikon. B. verbaler Äußerungen beruhen auf habituellen Zuordnungen, auf indexikal. oder ikon. Potenzen oder speziellen Zeichen (z.B. ð Interjektionen, ð Onomatopoetika) des Sprachsystems ( ð Ikonismus 1) und unterliegen deshalb ähnl. Interpretationsprozessen, wie dies für die dominante symbol. B. gilt.
2. Die ling. ð Semantik beschäftigt sich vorwiegend mit der symbol. B. von sprachl. Einheiten im Spannungsfeld zwischen virtueller System-B. und aktueller ð Äußerungsbedeutung. Die Einheiten und Regeln des Sprachsystems stellen abstrakte Bedeutungspotentiale bereit, die in der kommunikativen Aktualisierung beschränkt, gewichtet und angereichert werden. Geht man bei den virtuellen Einheiten zunächst von ð Wortformen aus, so ist zu unterscheiden zwischen deren »lexikal.« und »grammat. B.«, die sich oft, aber nicht immer auf unterschiedl. ð Morpheme verteilen, z.B. leg-t-e vs. gab.
2.1. Die einzelsprachl. System-B. forminvarianter ð Lexeme, einschl. ð Eigennamen, ð Komposita, ð Ableitungen und ð Phraseolexemen, wurde in der traditionellen Ling. differenziert untersucht, und zwar v.a. im Hinblick auf ð Inhaltswörter mit »deskriptiver B.« (Subst., Vb., Adj. und Adv.); die übrigen Wortarten haben ausschl. oder überwiegend expressive, deikt. oder grammat.-funktionale (»synkategoremat.«) B. Die Lexem-B. läßt sich grob gliedern in: (a) begriffl. »denotative B.« (ð Denotation 4), (b) enzyklopäd., wertende und symptomat. »konnotative B.« (ð Konnotation (2), ð Gefühlswert, ð Nebensinn), (c) Wortbildungs-B., (d) »kategoriale B.«, (e) semant. Kotextregeln. (a) Selbst im engen Bereich der denotativen Wortsemantik ist die Spannweite der Verwendung des Terminus ›B.‹ erstaunl. groß: Außer dem Zeichenausdruck wurden alle an der ð Semiose beteiligten Faktoren oder Relationen so bezeichnet. Zu deren Differenzierung sind deshalb präzisere Begriffe vonnöten; im einzelnen: (a1) ð Denotate (von einer naiven »Referenztheorie«, aber auch von G. Frege als ›B.‹, danach oft als ð Referent bezeichnet) sind die vom Lexem bezeichneten ›Gegenstände‹ (auch u.a. Prozesse, Zustände, Sachverhalte), deren Klasse das (a2) ð Designat bildet. Dieses ist die ›B.‹ in einer weniger naiven Referenztheorie, die die Möglichkeit leerer Klassen (perpetuum mobile) in Rechnung stellt; es wird als ð Extension eines log. Begriffs oder mentalen Konzepts (traditionell: »Vorstellung«), ggf. eines durch Eigennamen bezeichneten Individualkonzepts definiert. (a3) Häufiger wird die klassenbildende ð Intension (Frege: ð Sinn (1); L. Hjelmslev: ð Inhalt) von ð Appellativa als B. benannt und dabei ebenfalls entweder begriffl. objektiv oder als mentale Repräsentation aufgefaßt; letzteres u.a. von F. de Saussure, der das »concept« (Vorstellung) als ð Signifikat bezeichnet und als Teil des somit ð bilateralen einzelsprachl. Zeichens bestimmt. Da Extensionen von Eigennamen grundsätzl. nicht intensional bestimmt sind, sollte man (im Gegensatz zu Frege oder B. Russell) konventionell assoziierte Eigenschaften von Namenträgern allenfalls zu den Konnotationen ( 2) rechnen. Diese werden jedoch zu Intensionen im Falle einer ð Appellativierung im Text, z.B. Er ist ein Casanova, oder im Wortschatz, z.B. Diesel, Rittberger. (a4) Das Signifikat ist in Anbetracht der fast durchgängigen ð Mehrdeutigkeit natürl. Sprachzeichen als »Gesamtbedeutung« aufzufassen, die sich in ð Sememe (3), d.h. Teilbedeutungen gliedert, welche den oben genannten Intensionen entsprechen und unterschiedl. Designate konstituieren. Traditionell werden die Sememe entweder log.-synchron in »Haupt-, Neben- und ggf. Sonderbedeutungen«, in »eigentl.« und »übertragene B.« oder histor. in (»etymolog.«) »Grundbedeutung« und »abgeleitete B.« unterschieden. (a5) Die ð strukturelle Semantik analysiert die zunächst ganzheitl. (»holist.«) gedachten Signifikate oder Sememe in ð semantische Merkmale, definiert also B. als Merkmalskonfiguration; je nach dem theoret. Ansatz sind die Merkmale entweder als einzelsprachl. ð Seme oder als konzeptuelle ð Noeme bzw. ð Komponenten gedacht. (a6) De Saussure benennt die Relation zwischen ð Signifikant ( Zeichenausdruck) und Signifikat als »signification« ( ð Signifikation); entsprechend definiert S. Ullmann ›B.‹ als Beziehung zwischen »Name« und »Sinn«. (a7) Demgegenüber bezeichnet de Saussure die paradigmat. Relationen eines Lexems als seinen »Wert« (valeur), der seine Signifikation begrenzt, eine Auffassung, die von J. Trier in seiner ð Wortfeldtheorie wieder aufgenommen wurde. Auch J. Lyons beschreibt den Sinn (2) von Lexemen als paradigmat. » Sinnrelationen«. (a8) Von Ch. S. Peirce wird B. als ð Interpretant bestimmt, d.h. als emotionale, aktionale oder kognitive Wirkung im Bewußtsein des Interpreten. Ch. W. Morris (21955), dessen behaviorist. Theorie zwar auch den Begriff Signifikation enthält und unterschiedl. ð Signifikationsmodi unterscheidet, macht dennoch den Interpretanten, d.h. die Disposition, auf ein Zeichen mit einem bestimmten Verhalten zu reagieren, zum Kern seines B.-Begriffs. ( b) Die denotative B. wird von der strukturellen Semantik als Bündel ð distinktiver Merkmale, von der ð modelltheoretischen Semantik als Menge notwendiger und hinreichender Wahrheitsbedingungen aufgefaßt. Als distinktiv werden aber auch konnotative Merkmale angesehen, soweit sie zur Differenzierung denotativ synonymer Lexeme dienen, z.B. bei Dame - Frau - Weib, Neurologe - Nervenarzt, Großmutter - Oma. Durch Untersuchungen der ð Prototypensemantik hat sich herausgestellt, daß Teile des »enzyklopäd.« Wissens als »charakterisierende« Default-Merkmale mit zur engeren denotativen B. zu rechnen sind; so z.B. bei Vogel das Merkmal [flugfähig], das zwar auf weniger typ. Vögel wie Pinguine oder Strauße nicht zutrifft, aber etwa die Bedeutung von Vogelperspektive fundiert. Ob man dagegen Vogel-Eigenschaften wie [besitzt Kropf] zum konnotativen »Nebensinn« (K.O. Erdmann) oder einfach zum biolog. Wissen über Vögel zählen soll, ist schwer zu entscheiden. Ähnl. problemat. ist die Einordnung sachgebundener Wertungen (»Gefühlswert«), z.B. von Gefängnis oder Kuß, während etwa der konnotative Wert der lektal-stilist. Varianten Knast oder Schmatz als sprachl. distinktiv gesichert ist. (c) Ein Teil der denotativen B. der durch WB gebildeten Lexeme ist i.d.R. strukturell bedingt und führt zu Reihen von Ableitungen mit gleicher »Ableitungsbedeutung«, z.B. bei den Subst. mit -er: Agens (Schwimmer), Beruf (Schlosser), Werkzeug (Bohrer) u.a., oder von ð Reihenbildungen bei den Komposita, z.B. mit dem Merkmal [gemacht aus]: Holzhaus, -bank, -tisch, Steinhaus, -bank usw. (d) Unter »kategorialer« B. versteht man die ð WortartB. von Lexemen (L. Bloomfield: »class meaning«), soweit man eine solche akzeptiert. Da die klass. Zuordnungen wie Subst. ð »Gegenstand«, Adj. ð »Eigenschaft«, Vb. ð »Prozeß« so nicht haltbar sind (es gibt eben Subst. wie Schönheit, Flug usw.), bestehen zwei Möglichkeiten, an einer kategorialen B. festzuhalten: Man definiert sie abstrakt-funktional, z.B. die log. Argumentfunktion bei Subst., oder prototyp. geprägt nach dem Muster »fokaler« Lexeme (J. Lyons) wie Stein, Pferd, Kind bei den Subst. (e) Alle relationalen Lexeme implizieren inhaltl. Beschränkungen für die Argumente, über die sie prädiziert werden können: X ist Tochter von Y impliziert in der Kernbedeutung von Tochter: X und Y sind menschl. und X ist eine Generation jünger als Y; X repariert Y impliziert: X ist Mensch, Tier oder Roboter und Y ist ein Artefakt und defekt. Es handelt sich bei diesen Kotextregeln um die ð Selektionsmerkmale von J.J. Katz (E. Coseriu: ð Lexikalische Solidaritäten), darüber hinaus auch um lexikal. ð Präsuppositionen; Sätze/Texte, die sie verletzen (Er schloß das verriegelte Fenster), geben Anlaß zur Re-Interpretation. Die genannten Implikationen sind teils empir. und ggf. revidierbar, teils sprachl. fundiert: Daß Telefone klingeln oder daß Subj. und Obj. von heiraten notwendig verschiedenen Geschlechtes sind, ist inzwischen durch die Wirklichkeit überholt; dagegen ist z.B. die Differenz von schwanger und trächtig ([± menschl.]) ausschließl. einzelsprachl. bedingt.
2.2. Schon im Kotext von »Systemsätzen« (Lyons), um so mehr in den kontextuellen Bezügen kommunikativer Äußerungen verändert sich i.d.R. die LexemB. Die aktuelle ð Referenz wählt unter den designierten Denotaten - oder auch nicht; bei ›uneigentl.‹ (z.B. metaphor. oder iron.) Gebrauch steht die »referentielle B.« außerhalb des Designats, z.B. Diese Ziege kann immer nur rumtratschen! Entsprechend wandelt sich das Signifikat zur ð aktuellen Bedeutung: Durch Rückgriff auf sprachl. und konzeptuelles Wissen werden in Die X putzt ihren Flügel die Wörter putzt und Flügel ganz unterschiedl. monosemiert und spezifiziert je nachdem, ob man als Subj. Sängerin, Amsel oder Wespe einsetzt; zur Spezifizierung gehören u.a. die Belegung offener Parameter (z.B. bei Tier-Flügel: Größe, Farbe ...) sowie die Aktivierung von Konnotationen. Oft wird das aktivierte Semem durch »Priorisierung« ( W. Abraham) und Ausblendung von Merkmalen umstrukturiert zu einer (z.B. metaphor.) ð »okkasionellen Bedeutung«, die durch Wiederholung »usuell« (H. Paul) werden und damit das Signifikat modifizieren kann. Man unterscheidet ferner nicht-figurative Aktualisierungsmodi, u.a. die von der ma. Sprachphilosophie suppositio genannten Arten der metasprachl., ð generischen und »konkreten« Referenz: Der Wal ist eine Nominalphrase / ein Säugetier / im Watt gestrandet.
3. ð Satzbedeutung.
4. Die hochkomplexe B.-Struktur, die der Rezipient eines Textes zu verstehen sucht, fällt nur teilweise in den Forschungsbereich der Ling. Die ð Textlinguistik untersucht u.a. (a) die Entfaltung von ð Textthemen in propositionale ð Makrostrukturen nach themenspezif. Mustern (ð narrativ, argumentativ (ð Argumentation), explikativ), bis hinunter zu den Satzpropositionen, ihren lokalen Verknüpfungen, ð Fokussierungen und ihrer ð thematischen Progression; (b) den durch ð Kohäsions-Mittel gesteuerten Aufbau einer referentiellen »Textwelt«, deren inhaltl. Ausgestaltung aus sprachl. B.en, konzeptuellen ð Schemata und wissenbasierten ð Inferenzen schöpft; (c) die Etablierung von ð Isotopien durch rekurrente semant. Merkmale, mit i.d.R. bedeutungsvollen wechselseitigen ( u.a. komplementären, oppositiven, metaphor.) Bezügen; (d) die Aktualisierung konnotativer Potenzen von lexikal. und syntakt. Mitteln für unterschiedl. stilist. Funktionen und Wirkungen; (e) die Erzeugung der illokutiven ð Textfunktion aus referentiellen, prädikativen und stilist. B.en, ggf. mittels einer Struktur partieller oder subsidiärer Textillokutionen; ( f) die, ggf. krit. oder kreative, Nutzung der Funktionen und Konnotationen von ð TextsortenMustern. Diese Aufzählung textueller B.-Schichten ist keineswegs erschöpfend und nennt insbesondere nicht solche Ebenen des »Textsinns« (ð Sinn 6), für die ð Textsemantik und Textpragmatik nicht zuständig sind, u.a. »intertextuell« erzeugte B.en (ð Intertextualität) wie etwa die Nutzung von Anspielungen, Zitaten oder lit. Motiven.
& Lit. G. Frege, Über S. und Bedeutung. (1892) In: Ders., Funktion, Begriff, Bedeutung. Göttingen 31969. - F. de Saussure, Cours. - K.O. Erdmann, Die Bedeutung des Wortes. Lpz. 41925. - C.K. Ogden & I.A. Richards, The Meaning of Meaning. Ldn. 1923. - W. Abraham, Zur Ling. der Metapher. Poetics 14, 1975, 133-172. - H. Putnam, Die B. von »B.« Ffm. 1979. - Weitere Lit. ð Semantik, ð Sinn. RB

^ Bedeutungsentlehnung Beisp.
Veränderung einer Lexembedeutung nach fremdsprachl. Vorbild. Basis der Übernahme ist semant. Ähnlichkeit zwischen Vorbild- und Ziellexem (z.B. lat. baptizare, deus, sanctus, anima und vorahd. daupjan, guð, hailags, seula); oft stimmen einige ð Sememe oder Kollokationsmöglichkeiten überein (z.B. engl. cut, underworld und dt. schneiden, Unterwelt); oft sind auch die Ausdrücke ähnlich (z.B. engl. ballad ›Erzählgedicht‹, realize ›verwirklichen, erkennen‹ und dt. Ballade ›Tanzlied‹, realisieren ›verwirklichen‹). Als Ergebnis der B. wird entweder die alte Bedeutung durch die neue ersetzt (wie in taufen, Gott, heilig, Seele, Ballade) oder um ein neues Semem erweitert ( wie in realisieren ›erkennen‹, schneiden ›jdn. demonstrativ übersehe‹, Unterwelt ›kriminelles Milieu‹); ð Bedeutungsübertragung (2), ð Bedeutungswandel, ð Entlehnung. RB

^ Bedeutungserweiterung Beisp.
Ergebnis der Vergrößerung des ð Bedeutungsumfangs eines Lexems.
1. Erweiterung der ð Extension eines ð Semems durch Fortfall spezieller ð semantischer Merkmale ( ð semantische Generalisierung 1): z.B. drosseln (›erwürgen‹, 20. Jh. ›reduzieren‹), Tier (›vierfüßiges, wildlebendes Lebewesen‹, ab 17. Jh. ›nicht-pflanzl., nicht-menschl. Lebewesen‹).
2. Vermehrung der Sememe eines Lexems: z.B. Horn (ursprüngl. nur ›tier. Stirnauswuchs‹, dann auch ›Hornsubstanz‹, ›Trinkgefäß‹, ›Blasinstrument‹), packen (16. Jh. ›Sachen gedrängt in Kiste u.ä. legen‹, später ›fassen, ergreifen‹, ›seel. ergreifen‹, ›bewältigen‹, › begreifen‹); ð Bedeutungswandel, ð Bedeutungsverengung. RB ^ Bedeutungsübertragung Beisp.
(Auch: Bedeutungsverschiebung) In der alten »logisch-rhetorischen« Klassifikation des Bedeutungswandels (vgl. Ullmann 1967, 188 ff.) Ergebnis der qualitativen Veränderung der ð Extension eines Lexems/Semems durch ð Metapher, ð Metonymie, Synästhesie (u.ä.), z.B. Nase (eines Felsens), Kolben (›Nase‹), Blatt (Papier), einsehen (›erkennen‹); Zunge (›Sprache‹), Wäsche (›waschbare Kleidungsstücke‹), Erfrischung (›Getränk‹); kalt(es) Grün). Die Beispiele zeigen, daß B. sehr oft zur Vermehrung der ð Sememe, also zur Bedeutungserweiterung ( 2) führt, nicht dagegen z.B. in: aushecken (frühnhd. ›ausbrüten‹), auffallen (frühnhd. ›darauf fallen‹), hänseln (frühnhd. ›in eine Hanse/Genossenschaft aufnehmen‹). Die zur B. führenden semant. Prozesse werden von Schippan (1975, 1992) als ð »Bezeichnungsübertragung« zusammengefaßt.
2. Bei Schippan (1975, 1992; Ullmann 1967: »Sinnübertragung«) prozessualer Terminus für die Übertragung der Bedeutung eines Lexems auf ein im Ausdruck oder Inhalt ähnliches (ð Volksetymologie, ð Bedeutungsentlehnung) oder in fester Kollokation stehendes Lexem (durch ð Ellipse: z.B. ein Helles (Bier), die Elektrische (Bahn), (Karten) geben); ð Bedeutungswandel. RB

^ Bedeutungsverbesserung Beisp.
(auch: Amelioration) Ergebnis der ð konnotativen Aufwertung eines Lexems, sei es aufgrund ideolog./ gesellschaftl. Aufwertung des ð Designats: z.B. Arbeit ( mhd. ›Mühe, Kampfesnot‹, seit Luther: ›produktive Tätigkeit zur Sicherung des Lebensunterhalts‹), Ritter (›dienender Reiter‹), seit dem 12. Jh. adlige Standesbez.), pfiffig (›betrügerisch schlau‹, 19. Jh. ›gewitzt‹), sei es aufgrund von Wertungsambivalenz: z.B. Junggrammatiker (Spottwort Zarnckes, verwendet als positive Selbstbez.), Racker (frühnhd. ›Schinder‹, Schimpfwort, ab 18. Jh. Kosewort für Kinder), toll (›töricht, verrückt‹, 18. Jh. ›erstaunlich‹, 19. Jh. ›großartig‹). Lexeme können auch durch ð Opposition zu moderneren Lexemrivalen zum »gehobenen« ð Synonym werden: z.B. Haupt (durch Kopf, mhd. ›Trinkschale‹), Antlitz (durch Gesicht, mhd. ›das Sehen‹, ›Anblick‹); ð Bedeutungswandel, ð Bedeutungsverschlechterung. RB

^ Bedeutungsverengung Beisp.
Ergebnis der Verringerung des ð Bedeutungsumfangs eines Lexems:
1. Verengung der ð Extension eines ð Semems durch Vermehrung seiner ð semantischen Merkmale (»Spezialisierung«), z.B. fahren (mhd. jede Fortbewegung), fegen (mhd. allg. ›reinigen‹, vgl. Fegefeuer), Gift (mhd. ›Gabe‹), Hochzeit (mhd. jedes Fest), Reue (ahd. jeder Seelenschmerz), Schirm (mhd. ›Schutz‹). Oft bleiben ältere, generelle Sememe neben den spezielleren erhalten, z.B. in billig, Frucht, Glas, Zug. < br> 2. Fortfall von Sememen eines Lexems: z.B. artig (bis 18. Jh. auch von Dingen: ›angenehm, angemessen‹; bis 20. Jh. auch von Erwachsenen: ›höflich, anmutig‹; heute nur von Kindern: ›brav‹; brav hat eine ähnl. Geschichte); ð Bedeutungswandel, ð Bedeutungserweiterung. RB

^ Bedeutungsverschlechterung Beisp.
Ergebnis der ð konnotativen Abwertung eines Lexems, sei es aufgrund gesellschaftl. Abwertung des ð Designats, z.B. aus aristokrat. Sicht: gemein (›allgemein‹, 18. Jh. ›niedrig (gesonnen)‹), aus demokrat. Sicht: herablassend (›huldvoll‹, 19. Jh. ›arrogant‹), aus reformator. Sicht: Pfaffe (mhd. neutral ›Priester‹); sei es als Folge aufwertender/euphemist. (ð Euphemismus) Verwendung: Propaganda (bis 1870: ›kirchl. Glaubenswerbung‹), Dirne (ahd. ›Jungfrau, Mädchen‹). B. betrifft oft (teil-)synonyme (ð Synonymie) Lexeme gleichermaßen (z.B. gemein/ordinär/ gewöhnlich) oder differenzierend (z.B. stinken/riechen/ duften: Rosen stinchant im Ahd., riechent im Mhd., duften im Nhd.; Frau/Weib: Frau: mhd. ›Herrin‹ und ð meliorativ, nhd. zunehmend neutral; Weib: mhd. neutral, nhd. zunehmend ð pejorativ); ð Bedeutungswandel, ð Bedeutungsverbesserung. RB

^ Bedeutungsverschmelzung
Ergebnis der Beseitigung einer semant. Distinktion, die mit dem Außer-Gebrauch-Kommen von Lexemen einhergehen kann. Das klass. Beispiel in der dt. Wortgeschichte ist die Aufgabe der Unterscheidung patrilinearer und matrilinearer Verwandtschaftsbez.: mhd. base vs. muome, veter vs. oeheim können seit dem 16. Jh. synonym gebraucht werden mit der Bedeutung ›Schwester‹ bzw. ›Bruder der Eltern‹; seit dem 18./19. Jh. werden sie durch die Lehnwörter Tante und Onkel abgelöst. Im morpholog. Bereich ist die Übernahme der Bedeutung des idg./germ. Dualis durch den Plural ein Beispiel.
& Lit. R. Anttila, An Introduction to Historical and Comparative Linguistics. N.Y., Ldn. 1972. - G. Ruipérez, Die strukturelle Umschichtung der Verwandtschaftsbez. im Dt. Marburg 1984. RB

^ Bedeutungswandel
Veränderung der virtuellen Bedeutung von Lexemen als kollektive Folge zunächst individueller Modifikationen in der »gewöhnlichen Sprechtätigkeit« (Paul 1920, Keller 1990). B. betrifft ð denotative und ð konnotative Komponenten und Gebrauchsbedingungen von Lexemen, die Struktur ihrer ð Signifikate und ihre semant. Relationen zu anderen Lexemen. Grob gegliedert wird B. durch die traditionelle, auch von ð Semasiologie und ð Onomasiologie übernommene » logisch-rhetor.« Klassifikation der Vorher- nachher-Relation; ð Bedeutungserweiterung, ð Bedeutungsverengung, ð Bedeutungsübertragung (1), ð Bedeutungsverbesserung, ð Bedeutungsverschlechterung. Diese Kategorien erfassen allerdings weder die Art der Wandlungsprozesse hinsichtl. (a) ð Denotat, (b) Signifikat und (c) ð Wortfeld noch (d) psycholog., soziokulturelle oder histor. Ursachen und Bedingungen des jeweiligen B. Jedes der genannten B.ergebnisse kann zustande kommen (aa) entweder durch Veränderungen des Denotats (z.B. Schreibfeder) bzw. des Wissens darüber (z.B. Atom) bzw. der Einstellung dazu (z.B. Homosexualität) ohne Veränderung des sprachl. Ausdrucks (»sprachl. Konservatismus«, » Sachwandel«); oder aber (ab) durch Veränderung der ð Extensionen), also der Zuordnung des Ausdrucks zu Denotaten, und zwar via ð Bezeichnungsübertragung ( Speiche ›Unterarmknochen‹) oder (ellipt.) ð Bedeutungsübertragung (2) (Kette ›Fahrradkette‹). I.d.R. wird dabei (b) das Signifikat ð Sememe dazugewinnen (wachsende ð Polysemie, s.o. ›Speiche‹); andererseits veralten Bezeichnungsmöglichkeiten auch (z.B. Schalter ›Ruderstange‹). (c) Dies geschieht oft in Konkurrenz zu anderen Lexemen ( z.B. verliert list im Nhd. seine mit kunst synonymen positiven Teilbedeutungen): B. kann wie zuerst Trier (1931) umfassend gezeigt hat - nicht zureichend am einzelnen Lexem, sondern nur im Rahmen der paradigmat. und syntagmat. Beziehungen eines ð Wortfelds beschrieben werden. B. dient u.a. der Ausbildung, Aufrechterhaltung oder Einebnung von Bedeutungsoppositionen ( viele Beispiele bei Fritz 1974). (d) Eben dies findet und fand statt in »sinnkonstituierenden« ( Busse 1987), zielbezogenen Interaktionen, motiviert durch individuelle Intentionen und Bedürfnisse (z.B. des Ausdrucks oder der Verhüllung), geprägt durch zeit-, gesellschafts- und gruppentyp. Kenntnisse und Wertungen, bezogen auf gegenstands-, text- und situationsspezifische Stilnormen. Mit derartigen Gesichtspunkten nehmen neuere begriffsgeschichtl. ( ð historische Semantik) und handlungstheoret. ( Fritz 1984) Ansätze eine pragmat. Perspektive wieder auf, aus der heraus ältere Forschung die Fülle psych. (u.a. affektiver: Sperber 1923) und sozialer (Meillet 1921) Ursachen und Bedingungen des B. zu erfassen versuchte.
& Lit. D. Busse, Histor. Semantik. Stgt. 1987. - G. Fritz, B. im Dt. Tübingen 1974. - Ders., Ansätze zu einer Theorie des B. HSK 1, 739-753. - Ders., Historische Semantik. Stgt. 1998. - R. Keller, Sprachwandel. Tübingen 1990. - R. Koselleck (Hg.), Histor. Semantik und Begriffsgeschichte. Stgt. 1978. - H. Kronasser, Hdb. der Semasiologie. Heidelberg 21968. A. Meillet, Linguistique historique et linguistique générale. Bd. I. Paris 1921. - H . Paul, Prinzipien der Sprachgeschichte. Halle 51920. - O. Reichmann, Histor. Lexikologie. HSK 1, 440-460. - Th. Schippan, Einführung in die Semasiologie. Lpz. 21975. - Dies., Lexikologie der dt. Gegenwartsspr. Tübingen 1992, Kap. 10. - H. Sperber, Einf. in die Bedeutungslehre. Bonn 1923. - J. Trier, Der dt. Wortschatz im Sinnbezirk des Verstandes, Heidelberg 1931. - S. Ullmann, Grundzüge der Semantik. Bln. 1967. RB

^ Dissimilation Beisp.
(lat. dissimilis ›unähnlich‹. Auch: Entähnlichung) Der ð Assimilation entgegengesetzter phonolog. bzw. Lautwandel-Prozeß der Differenzierung von (benachbarten) phonet. ähnlichen Lauten; z.B. mhd. mörter > nhd. Mörtel. PM

^ * Distinkt(iv)
dt.: unterscheidend; ein distinktives Merkmal unterscheidet eine Reihe von Elementen von einer anderen. Eingeführt wurde der Terminus in der §_Phonologie zur Abgrenzung der einzelnen §_Phoneme (Laute). Das Verfahrenfindet auch Anwendung in der §_semantischen Analyse: Mensch, Fisch, Elefant, Fliege hat gegenüber: Tisch, Stein, Haus, Berg das distinktive Merkmal [+belebt]; Fisch, Elefant, Fliege hat gegenüber: Mensch das distinktive Merkmal [-human], und umgekehrt Mensch hat gegenüber: Fisch, Fliege... das distinktive Merkmal [+human]. §_Merkmalanalyse (§_Komponentenanalyse).

^ Etymologie
(griech. etymos (etymos) ›wahr‹, logos (logos) ›Wort, Lehre‹. Engl. etymology, frz. étymologie) Lehre von der Herkunft, Grundbedeutung, formalen und inhaltl. Entwicklung der ð Lexeme einer Spr. sowie ihrer Verwandtschaft mit Lexemen gleichen Ursprungs in anderen Spr.; im Einzelfall die Zurückführung eines Lexems bzw. ð Morphems auf ein (nach den Prinzipien von ð Lautgesetzen rekonstruiertes) ð Etymon, d.h. seine Ursprungsform und Grundbedeutung. Die neuere etymolog. Forschung schließt die gesamte Geschichte eines Lexems im System des Wortschatzes ein, die von inner- und außersprachl. Faktoren bestimmt wird; ð etymologisches Wörterbuch, ð Volksetymologie.
& Lit. E. Seebold, E., eine Einf. am Beispiel der dt. Spr. Mchn. 1981. - H. Püschel, E. Der Neubeginn der vergleichenden Sprachwiss. Gilching 1995. H.-M. Gauger, Der etymolog. Holzweg. In: Ders., Über Spr. und Stil. Mnch. 1995, 62-81. SH [Lexikon Sprache: Etymologie, S. 1 ff. Digitale Bibliothek Band 34: Metzler Lexikon Sprache, S. 2803 (vgl. MLSpr, S. 196 ff.) (c) J.B. Metzler Verlag]

^ Extension, extensional
(lat. extendere ›ausdehnen, verbreiten‹) In der ð formalen Logik und philosoph. Semantik Bezeichnung für die Bestimmung eines Ausdrucks mit Bezug auf den Begriffsumfang, d.h. auf die Menge der Gegenstände, auf die der Ausdruck zutrifft. Ein Ausdruck gilt dann als e., wenn er durch einen anderen mit gleicher E. ersetzt werden kann, ohne daß sich dabei der ð Wahrheitswert des Satzes ändert. Unter Umfang versteht man den Anwendungsbereich des Begriffes: der Umfang des Begriffs Mensch ist die Menge der Menschen. Die E. eines singulären Ausdrucks ist das Objekt, das durch den Ausdruck bezeichnet wird, die E. eines ð Prädikats ist die Klasse der Objekte, auf die das Prädikat zutrifft, die E. eines Satzes ist sein Wahrheitswert. Ein ð Kontext ist e., wenn Ausdrücke gleicher E. substituiert werden können, ohne daß die E. des Satzes sich verändert. PR

^ Historische Grammatik
In der ð historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft übl. Bez. für diachrone Untersuchungen zu einzelnen Sprachen oder Sprachgruppen, die sich auf alle Ebenen ihres grammat. Systems erstrecken können. Die h.G. versucht, verschiedene Etappen in der histor. Entwicklung der Objektspr.(n) zueinander in Beziehung zu setzen und die sprachl. Veränderungen, die sich in der Phonologie, Morphologie oder Syntax in histor. oder vorhistor. Zeiträumen abgespielt haben, greifbar zu machen und, wenn mögl., zu erklären (z.B. durch die Aufdeckung von ð Lautgesetzen, ð Analogien, Kasussynkretismen u.ä.). Soweit dabei nicht selbst bezeugte Sprachstufen zum Tragen kommen, können Verfahren der äußeren und inneren ð Rekonstruktion angewendet werden; ð historischvergleichende Sprachwissenschaft, ð Indogermanistik.
& Lit. H. Rix, Histor. Grammatik des Griech. Lautund Formenlehre. Darmstadt 1976. GP

^ Historische Semantik
(auch: Begriffsgeschichte) Vielfach bleibt die Bez. für einen Sachverhalt über längere Zeiträume hinweg konstant, während sich das damit Bezeichnete verändert. Dies gilt für den Bereich der materiellen Kultur (z.B. Wagen für Automobil), vor allem aber für polit., kulturelle, religiöse und ideolog. Ausdrücke (z.B. Freiheit, Familie, Liebe usw.). Mitunter führen diese Veränderungsprozesse zu polit. Debatten über die »richtige« Bedeutung solcher Ausdrücke (ð Sprachlenkung). Der sog. »semant. Krieg« um 1975 wurde geführt um die »Besetzung von Begriffen«. Man stritt jedoch weniger darüber, welche Inhalte bestimmten polit. Ausdrücken zuzuschreiben sind, sondern eher darüber, welche der polit. Richtungen (Parteien) Anspruch auf die programmat. Verwendung von (positiv konnotierten) ð »Fahnenwörtern« wie Freiheit, Deutschland, Solidarität, Demokratie, Sozialstaat usw. erheben könne. - Die zuvor v.a. im Rahmen der philosoph. Hermeneutik und der Ideengeschichte erörterten Probleme der h.S. wurden in den 1970er Jahren v.a. von Soziologen und Historikern mit sozialgeschichtl. Orientierung intensiv diskutiert, ausgehend von einer »Kritik der unbesehenen Übertragung gegenwärtiger und zeitgebundener Ausdrücke des Verfassungslebens in die Vergangenheit« und einer »Kritik an der Geschichte von Ideen, sofern diese als konstante Größe eingebracht werden« (Koselleck 1980, 25). Das Ziel der h.S. ist es, die Differenzen zu thematisieren und zu klären, die zwischen einer histor. und einer gegenwärtigen Begrifflichkeit herrschen, und ihre Entstehung zu rekonstruieren; ð Bedeutungswandel.
& Lit. D. Busse, Histor. Semantik. Stgt. 1987. - I. Fetscher & H.E. Richter (Hgg.), Wörter machen keine Politik. Beiträge zu einem Kampf um polit. Begriffe. Reinbek 1976. - G.K. Kaltenbrunner (Hg.), Sprache und Herrschaft. Die umfunktionierten Wörter. Mchn. 1975. - R. Koselleck, Begriffsgeschichte und Sozialgeschichte. In: ders. (Hg.), H.S. und Begriffsgeschichte. Stgt. 1980, 19-326. - G. Fritz, H.S. Stgt. 1993. G

^ Historische Sprachwissenschaft
(auch: Historiolinguistik) Gegenstand der h.S. ist die geschichtl. Entwicklung von Spr. und Spr.n als Prozeß und als Resultat. Ihre Fragestellung berührt sowohl das Problem des ð Sprachursprungs als auch das der ð Sprachverwandtschaft. In der Antike wurde Sprachreflexion vorwiegend ð synchron betrieben (z.B. von Aristoteles, Dionysios Thrax und den röm. Grammatikern), ebenso im MA (z.B. von Isidor von Sevilla oder Thomas von Aquin). In der frühen Neuzeit werden Fragen der ð Sprachgeschichte verstärkt thematisiert, sowohl bezogen auf die ð heiligen Sprachen (v.a. das Lat. wollte man von der »Verderbtheit« reinigen, als die man jahrhundertelange Gebrauchsspuren (ð Sprachwandel) verstand, z.B. Erasmus, J. Scaliger) als auch auf die jungen ð Nationalsprachen und ð Volkssprachen (z.B. Dante), denen man möglichst imposante Genealogien zuschrieb ( ð Ursprache, ð Zweiundsiebzig Sprachen). Im 17. (ð Sprachgesellschaften) und 18. Jh. wird die Beschäftigung mit Sprachgeschichte allmählich method. kontrollierter, v.a. im Bereich der ð Lexikographie ( z.B.C. Stieler, J. Ch. Adelung). Das »goldene Zeitalter« der h.S. wurde das 19. Jh. 1786 publizierte W. Jones (1746-1794) die Entdeckung, daß zwischen dem Sanskrit und dem Griech., Lat., Kelt. und Got. genet. Zusammenhänge bestehen. Sie wurde von F.v. Schlegel (1772-1829), F. Bopp (1791-1867) und R. Rask (1787-1832) in umfangreichen Arbeiten weiterverfolgt. Zusammen mit J. Grimms (1785-1863) »Deutscher Grammatik« (1818) und den Schriften von H. Steinthal (1823-1899; ð Völkerpsychologie) markieren sie den Anfang der ð historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft. Auf A. Schleicher (1821-1868) geht der Versuch zurück, h.S. im darwinist. Sinne als Naturgeschichte zu betreiben. Alle frühen Modelle sind von organizist. Vorstellungen geprägt, d.h. daß Sprachgeschichte als Entwicklungsgeschichte verstanden wird, deren Aufgabe darin besteht, den Lebenszyklus von »Sprachorganismen« darzustellen (ð Organismusmodelle). Ältere und zeitgenöss. Überzeugungen von Sprachverfall, ð »Sprachtod« u.ä. (ð Sprachkritik, ð Sprachpflege) wurzeln in diesen Vorstellungen. Die theoret. Grundlagen und die »positivist.« Aufarbeitung ungeheuren Materials, auf das sich die moderne h.S. im wesentlichen heute noch stützt, erfolgte in der nach den ð Junggrammatikern (H. Paul (1846-1921). K. Brugmann ( 1849-1919), F.F. Fortunatov (1848-1914), J.A. Baudouin de Courtenay (1845-1929) u.a.) benannten Phase zwischen ca. 1870 und 1920. Programmat. ist das junggrammat. Konzept der h.S. in Pauls »Prinzipien der Sprachgeschichte« (1880) dargelegt. Die Philologien, die sich mit nicht-idg. Spr. befassen, übernahmen zunächst die von den Junggrammatikern entwickelten method. Standards; Versuche, sie zu überwinden, blieben lange Zeit wenig erfolgreich; der ð Marrismus muß als Verirrung eingeschätzt werden. In der h.S. wurden unterschiedl. Erklärungsmodelle für ð Sprachwandel und ð Sprachgeschichte entwickelt; wichtige Entwürfe waren die Entfaltungstheorie, ð Stadialtheorien (ð Marrismus), die ð Stammbaumtheorie, die ð Wellentheorie und die ð Glottochronologie. - Die h.S. befaßt sich mit Veränderungen von Spr. in der Zeit. Ihr Interesse richtet sich auf den Sachverhalt, daß eine Klasse sprachl. Elemente Ex zu einem Zeitpunkt tx durch eine Formklasse Fx, eine Klasse von Bedeutungen Bx, paradigmat. und mögliche syntagmat. Relationen Prx und Srx charakterisiert ist, also Ex (f) (Fx, Bx, Prx, Srx) tx. Hat sich zu einem Zeitpunkt ty eines der charakterisierenden Merkmale x verändert, so liegt ein verändertes Ey und damit ð Sprachwandel vor; ist dies nicht der Fall, so ist die Elementenklasse unverändert. Solche Veränderungen betreffen alle Ebenen des Sprachsystems, ebenso die Regeln der Sprachverwendung, und sie müssen mit den Instrumentarien des jeweils einschlägigen Teilgebiets der Ling. analysiert werden, z.B. im Rahmen der ð historischen Grammatik. In der h.S. wird darüber hinaus in sprachexternen Faktoren nach Bedingungen, Gründen und Zwecken von sprachinternen Veränderungen gesucht, was in den Konzepten einer ð diachronischen Linguistik abgelehnt wird (F. de Saussure, L. Hjelmslev, P. Kiparsky u.a.). Wichtige Anregungen und Neuansätze in der h.S. hat E. Coseriu entwickelt. Gegenstand der h.S. ist nicht nur die Geschichte einzelner Sprachen (ð Sprachgeschichte), sondern auch die Geschichte von Sprachgruppen und Sprachzweigen ( beide Begriffe beruhen auf Rekonstruktionen, die im Rahmen der h.S. vorgenommen wurden, z.B. ð Indogermanisch) und die Phylogenese von Sprache schlechthin (ð Ursprache); letzteres Untersuchungsfeld gilt jedoch vielfach als unseriös, weil die Datenlage zu Spekulationen zwingt.
& Lit. H. Paul, Prinzipien der Sprachgeschichte. Lpz. 1880. - H. Arens, Sprachwiss. Der Gang ihrer Entwicklung von der Antike bis zur Gegenwart. Freiburg 1969 u.ö. - E. Coseriu, Synchronie, Diachronie und Geschichte. Mchn. 1974. - Ders., Vom Primat der Geschichte. Sprachw. 5, 2, 1980, 125-145. - R. Lass, On Explaining Language Change. Cambridge 1980. - HSK 2, 1984, 1985. - H. Lüdtke, Esquisse d'une théorie du changement langagier. La linguistique 22, 1, 1986, 3-46. G

^ Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft
(auch: Komparatistik. Engl. historical and comparative linguistics, comparative philology) Forschungsrichtung, die sich mit der Untersuchung der Herkunft, Entwicklung und Verwandtschaft von Spr. befaßt. Diese auf die ð Germanistik und ð Indogermanistik des 19. Jh. zurückgehende Disziplin erhielt ihren ersten Anstoß vom brit. Orientalisten W. Jones (1746-1794), der 1786 auf die Wahrscheinlichkeit eines für das neulich entdeckte ð Sanskrit sowie für Latein, Griech. und andere europ. Spr. gemeinsamen Ursprungs hinwies. Aus der darauffolgenden Auseinandersetzung mit den phonolog., morpholog. und lexikal. Details des Griech., Lat. und der german. Spr. in Hinblick auf zwischensprachl. Übereinstimmungen und in schriftl. Quellen belegten ð Sprachwandel entwickelte sich die indogermanist. Sprachforschung unter F. Bopp (1791-1867), R. Rask (1787-1832), J. Grimm (1785-1863) und A. Schleicher (1821-1868) zum Mittelpunkt und zum inspirierenden Motor der hist.-vergl. Sprachwiss. 1816 veröffentlichte Bopp seine vergleichende Studie des Konjugationssystems des Sanskrit, die zusammen mit seiner Vergleichenden Grammatik (1833) die Komparatistik als Wiss. begründete. Von Bopp stammt die Theorie der monosyllab. Wurzel als ursprüngl. Einheit und der Agglutination als des Verfahrens, nach dem Wurzeln mit sich selbst und mit pronominalen Flexionswurzeln kombiniert werden. Rasks vergleichende Untersuchungen nordgerm. Flexionssysteme führten zur ersten Formulierung von Regeln für die Feststellung von Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Spr. v.a. im Hinblick auf Lautentsprechungen und -verschiebungen. 1822 wurde auf der Basis von Rasks Erkenntnissen über regelmäßige Entsprechungen zwischen nsonantensystemen von J. Grimm (1785-1863) die These von der 1, und 2. ð Lautverschiebung aufgestellt. Die erste umfassende Abhandlung einer ð Sprachfamilie samt einer provisor. ð Rekonstruktion der Proto- bzw. ð Ursprache, aus der die einzelnen histor. belegten Spr. sich angeblich entwickelt hatten, wurde von Schleicher in seinem »Compendium der vergleichenden Grammatik der idg. Sprachen« (1861/62) gewagt, wobei er sich weitestgehend auf die Ergebnisse seiner Vorgänger stützte. Seine von der Darwinischen Evolutionstheorie maßgebl. beeinflußte Vorstellung der genet. Abstammung von ð Sprachfamilien kam 1871 im als Standard geltenden, aber heute umstrittenen Begriff des sprachl. ð Stammbaums zum Ausdruck. Als Gegenthese zur Stammbaumtheorie wurde 1868 von H. Schuchardt (1842-1927) und 1872 von J. Schmidt (1843-1901) die ð Wellentheorie formuliert, die anstelle des starren Abzweigungsmodells eine allmähl., wellenähnl. Ausbreitung sprachl. Erneuerungen über längere Zeiträume als natürlicheres Bild des ð Sprachwandels ansieht. In den Jahren 1876 bis 1880 empfing die hist.-vergl. Sprachwiss. neue Impulse aus der Auseinandersetzung mit den ð Junggrammatikern, die der älteren Generation mangelnde Stringenz bei der Auswertung v.a. lautl. Korrespondenzen, eine Romantisierung hist. Prozesse sprachl. Entwicklung sowie eine unangemessene philosoph. Betrachtung der Spr. als Organismus, der sich unabhängig von den Sprechern entfaltet, vorwarf (ð Organismusmodelle). Die Ansicht der Junggrammatiker, die Ling., insbesondere die Komparatistik, sei eine exakte Wissenschaft, deren Gegenstand, die Spr., klaren setzen unterworfen ist, führte zur Formulierung des Prinzips der strengen Ausnahmslosigkeit. Vermeintl. Ausnahmen wurden als ð Analogiebildungen erklärt. Die Geschichte der hist.-vergl. Sprachwiss. seit Ende des 19. Jh. ist im großen und ganzen die eines Prozesses der weiteren Auswertung und Verfeinerung der Daten, Hypothesen und Methoden dieser Disziplin meist im Zusammenhang mit der Indogermanistik, wobei immer häufiger Erkenntnisse, die aus der Anwendung sprachvergleichender Methoden in bezug auf nichtidg. Spr. gewonnen worden sind, einen korrektiven Einfluß ausüben. Aufgrund besserer und breiterer Kenntnisse der Zusammensetzung z.B. phonolog. Systeme oder von Tendenzen beim ð Lautwandel sind neue Thesen über die genaue Form des uridg. Lautsystems aufgestellt worden, die das traditionelle Bild der germ. Lautverschiebungen ernsthaft in Frage stellen. Außerdem sind auf idg. Spr. basierende Annahmen hinsichtl. der scheinbar gegen Ersetzung resistenten Bereiche des Wortschatzes nicht mehr ohne Qualifizierung haltbar. Im wesentl. werden aber nach wie vor regelmäßige Entsprechungen in der Phonologie, Morphologie und Typologie zweier Spr. als Beweis einer engen »genet.« Verwandtschaft angesehen. Dabei ist aber zu berücksichtigen, daß sich die typolog. Charakteristik einer Spr. im Laufe der Zeit drast. verändern kann (wie z.B. im Falle des Chines. oder des Engl.) und daß zahlreiche Entlehnungen z.B. zwischen ð isolierenden und ð analytischen Spr. nur schwer, wenn überhaupt, von durch eine gemeinsame Abstammung verwandten Wörtern zu unterscheiden nd ( wie z.B. im Verhältnis des Thai zum Chines.). In Hinblick auf den Vergleich von Spr. ist heute bekannt, daß eine Reihe von Faktoren (einschließl. ð Analogie) die Regelmäßigkeit der Lautentsprechungen beeinträchtigen kann. Dennoch können, wo eine schriftl. Dokumentation der Sprachgeschichte fehlt, nur regelmäßige Entsprechungen für die Frage einer mögl. Verwandtschaft in Betracht gezogen werden. Eine besonders strenge, in der Tradition der Junggrammatiker stehende Anwendung dieses Prinzips der Ausnahmslosigkeit kann in der Arbeit von R.A. Miller zum ð Altaischen erkannt werden. Obwohl die gegenseitige Beeinflussung benachbarter, verwandter Dialekte und Spr. etwa so abläuft, wie in der Wellentheorie geschildert, behält weiterhin aus prakt. Gründen der Stammbaum seinen traditionellen Platz in der Darstellung sprachl. Entwicklung.
& Lit. R. Anttila, An Introduction to Historical and Comparative Linguistics. N.Y., Ldn. 1972. - W.P. Lehmann, Historical Linguistics. An Introduction. N.Y. 21973. Dt.: Einf. in die histor. Ling. Heidelberg 1969. - Th. Bynon, Historical Linguistics. Cambridge u.a. 1977. - O. Szemerényi, Einführung in die vergleichende Sprachwiss. Darmstadt - 21980. WR

^ Erbwortschatz
(auch: heimischer Wortschatz, Kernwortschatz, nativer Wortschatz) Unter etymolog. Aspekt läßt sich der Wortschatz einer Spr. danach einteilen, ob die Wörter in histor. Zeit aus einer anderen Spr. übernommen wurden (ð Lehnwörter i.w.S.) oder ob sie in allen Vorstufen der betreffenden Spr. bereits vorhanden waren (Erbwörter). Die Unterscheidung ist abhängig von der zeitl. Erstreckung der Beobachtung und vom etymolog. Forschungsstand. Frühe Entlehnungen des German. aus dem Kelt. können vom nhd. Standpunkt aus als Erbwörter angesehen werden (z.B. Reich). Für die ältesten Sprachstufen gilt wohl insgesamt, daß zum E. alles zählt, für das fremde Herkunft nicht nachgewiesen ist (z.B. Pflug). Der Begriff E. ist auch deshalb problemat., weil ältere Lehnwörter so assimiliert sein können, daß sie wie Erbwörter aussehen (z.B. Mauer < lat. murus), und weil Erbwörter gelegentl. Merkmale fremder Herkunft übernehmen (z.B. Forelle). Für die synchrone Betrachtung unter dem Aspekt phonet. oder graph. Regelhaftigkeit erscheint eine Unterscheidung von nativen und nichtnativen Wörtern zweckmäßiger.
& Lit. E. Seebold, Etymologie. Mchn. 1981. - H. Birkhan, Etymologie des Dt. Ffm., N.Y. 1985. - O. Reichmann, Erbwortbezogene Wbb. im Dt. HSK 5, II, 1990, 1231-1241. B

^ * Hyperonym
Oberbegriff; Lexem, das in einer begrifflich übergeordneten Beziehungzu einem oder mehreren anderen Lexemen steht: Stitzmöbel (im Verhältnis zu: Stuhl, Sessel, Sofa, Hocker usw.). Das Hyperonym ist inhaltlich allgemeiner und enthält weniger §_distinktive Merkmale. (Gegenteil: §_Hyponym).

^ * Hyponym
Unterbegriff; Lexem, das in einer begrifflich untergeordneten Beziehungzu einem oder mehreren anderen Lexemen steht: Stuhl (im Verhältnis zu: Stitzmöbel). Das Hyperonym ist inhaltlich differenzierter und merkmalhaltiger. (Gegenteil: §_Hyperonym).

^ Intension
(lat. intendere ›bedacht sein, achten auf‹) In der philosoph. Semantik Bez. für die Bestimmung eines Begriffs durch seinen Begriffsinhalt bzw. Bedeutungsgehalt ( Ggs. ð Extension, d.h. Bestimmung durch den Begriffsumfang). Der Begriffsinhalt wird durch die Klasse der ihm eigenen Merkmale erklärt, z.B. der Begriff ›Säugetier‹ durch die für Säugetiere spezif. Eigenschaften. PR

^ Lehnbedeutung
(engl. semantic calque, frz. calque sémantique) Subklasse der ð Lehnprägungen, Art der ð Entlehnung, die darin besteht, daß die Bedeutung eines fremdsprachigen Wortes in das schon vorhandene entsprechende Wort der entlehnenden Sprache zusätzl. übernommen wird, das dadurch eine Bedeutungserweiterung erfährt, z.B. dt. Held (ursprüngl. Bedeutung ›Mensch, der Hervorragendes leistet‹) nach dem Vorbild von engl. hero heute mit der zusätzl. Bedeutung ›literar. Hauptfigur, Titelrolle in einem Film‹; frz. réaliser (ursprüngl. Bedeutung ›verwirklichen‹) nach dem Vorbild von engl. (to) realize heute mit der zusätzl. Bedeutung ›erkennen, wahrnehmen‹. SH

^ Lehnbildung Beisp.
Neben der ð Lehnbedeutung die weitere Subklasse der ð Lehnprägungen, die sich weiter untergliedert in ð Lehnübersetzung, ð Lehnübertragung und ð Lehnschöpfung. SH

^ Lehngut
Zusammenfassende Bez. für alle Formen der Beeinflussung einer Spr. durch andere Spr. auf den verschiedenen Ebenen: Lehnphonem (z.B. [õ] in Salon), Lehngraphem (z.B. für [u:] in Boom), Lehnmorphem ( z.B. das Suffix {-er} aus lat. {-arius}), ð Lehnwort, Lehnwendung und Lehnsyntax (ð Sprachkontakt, ð Interferenz). Aus anderen Spr. übernommene Wörter stellen Übernahmen aus Ausdrucksseite und Inhaltsseite dar: Lehnwörter i.w.S. Je nach ihrer Assimilierung oder Nichtassimilierung in phonet., graph., morpholog. Hinsicht unterscheidet man (assimilierte) Lehnwörter i.e.S. (z.B. Mauer < lat. murus) und (fremd gebliebene) ð Fremdwörter (z.B. Palais < frz. palais). Wortschatzeinflüsse auf heimische Ausdruckselemente heißen ð Lehnprägung. Soweit nur die Bedeutung übernommen und auf ein vorhandenes heimisches Wort übertragen wird, liegt ð Lehnbedeutung vor (z.B. die religiösen Bedeutungen von Geist, Gnade, Himmel, Hölle). Die Produktion neuer Wörter aus heimischen Elementen auf Anregung des fremden Wortes heißt ð Lehnbildung. Sie vollzieht sich formal unabhängig vom fremden Vorbild als ð Lehnschöpfung (z.B. die im Zusammenhang von Verdeutschungen geschaffenen Ersatzwörter wie Bahnsteig für Perron), formal abhängig als Lehnformung. Die engere Form der Lehnformung, nämlich die Glied-für-Glied-Übersetzung, heißt ð Lehnübersetzung (z.B. Wochenende < engl. weekend), die freiere Form ð Lehnübertragung (z.B. Vaterland < lat. patria). Die hier verwendete, auf W. Betz zurückgehende Terminologie ist nicht allgemein durchgesetzt, sie steht in Konkurrenz zu anderen Einteilungen und Benennungen, z.B. von E. Haugen und U. Weinreich.
& Lit. W. Betz, Lehnwörter und Lehnprägungen im Vor- und Frühdt. In: F. Maurer & H. Rupp (Hgg.), Dt. Wortgeschichte. Bln., N.Y. 31974, 135-163. E. Haugen, The Analysis of Linguistic Borrowing. Lg. 26, 1950, 210-231. - U. Weinreich, Languages in Contact. N.Y. 1953. - E. Oksaar, Terminologie und Gegenstand der Sprachkontaktforschung. HSK 1, 1984, 845-854. B

^ Lehnpräfix
Aus einer fremden Sprache entlehntes ð Präfix, das im Ggs. zum ð Fremdpräfix in Lautung und Schreibung in das System der Nehmersprache vollständig integriert ist, z.B. griech./lat. anti-, pro-, inter-, dis-, ultra- in vielen modernen Spr.; ð Konfix, ð Lehnsuffix, ð Lehnwort. SH ^ Lehnprägung
(auch: Abklatsch, Calque, Kalkierung) Neben den ð Lehnwörtern die weitere Klasse der ð Entlehnungen. Sie umfaßt semant. ident. oder ähnl. Nachbildungen eines fremdsprachigen Lexems mit den Wortbildungsmitteln der Nehmersprache, wobei als Subklassen unterschieden werden: (a) ð Lehnbedeutung und (b) Lehnbildung mit den weiteren Subklassen (ba) ð Lehnübersetzung, (bb) ð Lehnübertragung und (bc) ð Lehnschöpfung. SH

^ Lehnschöpfung Beisp.
Subklasse der ð Lehnbildungen, Art der Entlehnung, bei der im Ggs. zur ð Lehnübersetzung und ð Lehnübertragung ein fremdsprachiger Ausdruck in der Nehmersprache formal gänzl. frei nachgebildet wird, z.B. Sinnbild < Symbol. SH

^ Lehnsuffix
Aus einer fremden Spr. entlehntes ð Suffix, das im Ggs. zum ð Fremdsuffix in Lautung und Schreibung vollständig in das System der Nehmersprache integriert ist, z.B. im Dt. -ant, -ität (bei Substantiven), -abel, -al, -ant (bei Adjektiven), -ier-en (bei Verben); ð Lehnpräfix, ð Lehnwort. SH

^ Lehnübersetzung Beisp.
(engl. calque, loan-translation, frz. calque) Subklasse der ð Lehnbildungen, Art der ð Entlehnung, bei der ein fremdsprachiger Ausdruck im Unterschied zur ð Lehnübertragung Bestandteil für Bestandteil in die Nehmersprache übersetzt wird, z.B. Dampfmaschine < engl. steam engine, Geistesgegenwart < frz. présence d'ésprit; Papiergeld < frz. papier-monnaie < engl. paper-money. SH

^ Lehnübertragung Beisp.
Subklasse der ð Lehnbildungen, Art der ð Entlehnung, bei der im Unterschied zur ð Lehnübersetzung ein fremdsprachiger Ausdruck nur teilweise bzw. angenähert übersetzt wird, z.B. Vaterland < lat. patria, z.B. Wolkenkratzer, frz. gratte-ciel, ital. grattacielo, russ, neboskrëb < amerikan.-engl. sky-scraper. SH

^ Lehnwort
(engl. loan-word, borrowed word, frz. mot d'emprunt)
1. I.w.S. Sammelbez. für ð Fremdwort und L.
2. I.e.S. neben den ð Lehnprägungen die weitere Klasse der ð Entlehnungen. Sie umfaßt im Unterschied zum Fremdwort allein solche ð Entlehnungen aus einer fremden Spr., die in Lautung (Aussprache und Betonung), Schreibung und Flexion vollständig in die entlehnende Spr. integriert sind (z.B. Fenster < lat. fenestra, Bluse < frz. blouse, Streik < engl. strike). In diesem Sinne bilden (a) Lehnwörter (als lexikal. Entlehnungen) und (b) Lehnprägungen (als semant. Entlehnungen) mit den Subklassen > (ba) Lehnbildung ( ð Lehnübersetzung, ð Lehnübertragung, ð Lehnschöpfung) und (bb) ð Lehnbedeutung zusammen den ð Lehnwortschatz.
& Lit. ð Fremdwort, ð Lexikologie, ð Wortbildung. SH

^ Lehnwortbildung
ð Wortbildung mit Hilfe von aus fremden Spr. entlehnten Elementen, z.B. Redakt-eur, elektr-isch, Bioladen.
& Lit. G. Hoppe u.a., Dt. Lehnwortbildung. Tübingen 1987. SH

^ Lehnwortschatz
1. I.w.S. Gesamtheit der ð Lehnwörter (1).
2. I.e.S. Gesamtheit der Lehnwörter (2); ð Entlehnung, ð Lehngut. SH

^ Sem n.
(griech. snma (sema), frz. sème ›Zeichen‹)
1. Von B. Portier (1963) und A.J. Greimas (1966) eingeführter Terminus zur Bez. minimal-distinktiver Bedeutungselemente von Lexemen; ð Semantisches Merkmal.
2. H.E. Wiegand und H. Henne beschränken den S.-Begriff auf diejenigen Merkmale, die innerhalb eines Paradigmas distinktiv sind; das allen ð Sememen eines Paradigmas gemeinsame Merkmal nennen sie ð Noem.
3. Gelegentl. wird der Ausdruck »sème« für eine höherrangige Zeicheneinheit verwendet, so von L.J. Prieto für satzanaloge Äußerungen oder von J. Kristeva für Texte.
& Lit. B. Pottier, Recherches sur l'analyse sémantique en linguistique et en traduction mécanique. Nancy 1963. - A.J. Greimas, Sémantique structurale. Paris 1966. - L.J. Prieto, Messages et signaux. Paris 1966. - J. Kristeva, Snmeiotikn. Recherches pour une sémanalyse, Paris 1969. - Weitere Lit. ð Semantisches Merkmal. RB

^ Semantem n.
(semant(isch) + -em; ð emisch)
1. Bei J. Vendryes und Ch. Bally das virtuelle lexikal. Zeichen (ð Lexem), frei (zehn) oder gebunden (leb-; Bally: »radical«).
2. Zuweilen i.S. von ð Semem oder ð Sem.
3. H. Glinz sowie - ihm folgend - H. Sitta und K. Brinker verstehen unter einem »(Nomo-) S.« den »festen geltenden Inhalt« eines Syntagmas bzw. Satzes. Das S. ist nicht Produkt unabhängiger Lexembedeutungen, sondern weist umgekehrt den syntakt. Elementen ihren semant. Wert zu; durch partielle Substitution können S. zu Äquivalenzklassen verbunden sein (es tut nichts/das macht gar nichts/so etwas schadet nicht viel). Brinker konkretisiert das »verbale S.« als valenzabhängige (Teil-)Bedeutung eines Verbs, die beim Fehlen »semantemkonstitutiver« Satzglieder verlorengeht, selbst wenn diese »morphosyntakt.« weglaßbar sind: Er findet1 sie schön - Er findet2 sie. Die »nomosyntakt.« Differenzierung in zwei S. hebt die Fakultativität der Prädikativergänzung ( schön) auf: finden1 ist obligator. dreiwertig, finden2 obligator. zweiwertig.
& Lit. J. Vendryes, Le langage. Paris 1921. - Ch. Bally, Linguistique générale et linguistique française. Bern 1932. - H. Glinz, Grundbegriffe und Methoden inhaltbezogener Text- und Sprachanalyse. Ddf. 1965. - H. Sitta, S.e und Relationen. Ffm. 1971. - K. Brinker, Konstituentenstrukturgrammatik und operationale Satzgliedanalyse. Ffm. 1972. RB

^ Semantik
(snmantikos (semantikos) ›zum Zeichen gehörig‹.
Engl. semantics, frz. sémantique) Bez. für wiss. Teildisziplinen ( u.a. der Philosophie, ð Semiotik und Ling.), die die ð Bedeutung von ð Zeichen, speziell von ð Sprachzeichen, erforschen. Im Jahre 1839 begründete der Altphilologe Ch. K. Reisig eine ð diachronische » Bedeutungslehre«, die er ð Semasiologie nannte; der später damit konkurrierende Terminus ›S.‹ stammt von M. Bréal, dessen »Essai de sémantique« aus dem Jahre 1897 sich themat. nicht von den semasiolog. Untersuchungen zum ð Bedeutungswandel unterschied. Der Bréalsche Terminus setzte sich zunächst im franko- und anglophonen Bereich durch; bestimmend für seinen langfristigen Erfolg wurde v.a., daß »semantics« von Ch. W. Morris (1938) als Bez. derjenigen Teildisziplin der Semiotik eingeführt wurde, die »sich mit der Beziehung der Zeichen zu ihren ð Designata beschäftigt«. Er tat dies zu einer Zeit, als in Amerika die professionelle Ling. strikt antimentalistisch das Studium der Bedeutung als wiss. nicht erfaßbar aus der Ling. ausschloß (L. Bloomfield 1935) und »semantics« andererseits das Fahnenwort einer sprachkrit. und -pädagog. Gesellschaftstheorie war (ð Allgemeine Semantik). Gleichzeitig hatte in der frz. und dt. Sprachwiss. F. de Saussures systembezogene Sprachtheorie Wortschatzuntersuchungen angeregt, die die Lexembedeutungen in ihren paradigmat. Relationen betrachten. Die von J. Trier (1931) entwickelte ð Wortfeldtheorie ermöglichte neben diachronen auch synchrone Bedeutungsanalysen; diese wurden von L. Weisgerber, der Triers Ansatz ausbaute, in den Dienst seiner an W. von Humboldt anknüpfenden neuromant. Sprachinhaltsforschung ( ð Inhaltbezogene Grammatik) gestellt, später allerdings auch in die daneben weiterbestehende Semasiologie aufgenommen. Den krönenden Abschluß dieser Epoche bildet im Jahre 1957 S. Ullmanns Monographie »The Principles of Semantics«; hier hat sich eine an de Saussure anknüpfende, Synchronie und Diachronie integrierende S. vollgültig etabliert. - Zu Beginn der 1960er Jahre beginnt die Epoche der ð strukturellen Semantik, die die europäische Bedeutungsforschung zur Anwendung der systemat. Methodik des ð Strukturalismus, den amerikan. Strukturalismus zur Akzeptanz semant. Analyseobjekte führte. Zur strukturellen Semantik zählen: (a) die durch L. Hjelmslevs Sprachtheorie (ð Glossematik) angestoßene, phonolog. inspirierte Merkmalsanalyse der ð Inhaltsform von Lexemen und der ð Bedeutungsstrukturen des Wortschatzes; (b) die in der USA entwickelte Analyse von Wortbedeutungen in kleinste kognitive, ggf. universale ð Komponenten; (c) die von J. Lyons praktizierte Beschreibung paradigmat. »Sinnrelationen« mit Hilfe von Satzimplikationen; (d) die im Gefolge der TG entwickelten Methoden merkmalsorientierter ð Satzsemantik ( ð Interpretative Semantik, ð Generative Semantik); (e) eine ð Textsemantik der ð Isotopien und der (u.a. narrativen) Strukturen. Von weitreichender Bedeutung für die Entwicklung der S. war es, daß sich die generative Satzsemantik genötigt sah, zur formalen Beschreibung propositionaler und implikativer Bedeutungen auf die ð formale Logik zurückzugreifen. Sie konnte sich dabei auch auf die philosoph. S. berufen, wie sie v.a.R. Carnap und L. Tarski für die Analyse künstl. Spr. entwickelt hatten. Für diese lassen sich uneingeschränkt die Postulate der Kompositionalität der Bedeutung (ð Frege-Prinzip), die eine völlige Strukturanalogie von Syntax und S. voraussetzt, und der Identifizierung der Bedeutung einer Aussage mit ihren ð Wahrheitsbedingungen behaupten. Die Übertragung dieser Postulate auf natürl. Spr. durch R. Montague Anfang der 1970er Jahre rührte zur Entwicklung der Wahrheitsbedingungen-S., speziell der ð modelltheoretischen Semantik, die den für die Referentialität von sprachl. Aussagen wichtigen Begriff der ð möglichen Welt integrierte. Dieser Ansatz ist in unterschiedl. Ausarbeitungen - u.a. Zusammenführung mit der ð Lambda-Kategoriengrammatik, Einbeziehung wortsemant. Analysen (D.R. Dowty) - und Weiterentwicklungen - u.a. ð Situationssemantik, Diskurssemantik (P.A.M. Seuren) - bis heute dominant für die Vertreter einer formalen S. (vgl. HSK 6, 1991). Sowohl die strukturelle als auch die log. S. waren seit den 70er Jahren heftigen Angriffen ausgesetzt. Einerseits wurde die Annahme einer durch Wahrheitsbedingungen oder distinktive Merkmale vollständig charakterisierten Bedeutung durch philosoph. Argumente (H. Putnam) und psycholog. Experimente (E. Rosch) in Frage gestellt und erwies sich angesichts der vorgeschlagenen Alternativen ð Stereotypensemantik und ð Prototypensemantik als revisionsbedürftig. Andererseits wurde unter Berufung auf L. Wittgensteins ð Gebrauchstheorie der Bedeutung die Berechtigung (oder schwächer: die Reichweite) einer System-S. problematisiert; die pragmaling. Faszination durch die kreative Vielfalt der ð Äußerungsbedeutungen ließ die Systembedeutung der Lexeme zur unexplizierten ð Gebrauchsregel verblassen. Zudem erschloß die Theorie der ð Sprechakte der S. neue Bereiche: Da sie nicht nur die ð konstative Verwendung von ð Deklarativsätzen, sondern den ð performativen Gebrauch aller Satzarten im vollen Spektrum der Handlungsfunktionen untersucht, stellt sich die Frage, inwieweit der »kommunikative Sinn« (M. Bierwisch 1980) von Sätzen schon in ihrer Systembedeutung angelegt ist. Nach unterschiedl. Versuchen, sowohl die Pragmatik zu semantisieren (z.B. die »performative Analyse« von J. Ross; ð Hypersatz) als auch die S. zu pragmatisieren (z.B. die »Prakt. S.« von H.J. Heringer), sieht man heute zumeist den kommunikativen Sinn als Ergebnis der Interaktion unterschiedl. ›modularer‹ Kenntnissysteme, deren eines die abstrakten Bedeutungspotentiale von sprachl. Ausdrücken umfaßt. Der Grenzverlauf zwischen S. und Pragmatik ist im Einzelfall allerdings noch kontrovers (vgl. die neuere Diskussion zum ð Satzmodus; ð Modus). - Der Begriff der ð Modularität von Kenntnissystemen wird ebenfalls herangezogen, um die alte Frage nach dem Verhältnis von sprachl. und konzeptuellem Wissen zu beantworten, die im Rahmen der ð kognitiven Linguistik an Aktualität und empir. Gehalt gewonnen hat. Während der Versuch, beide Bereiche durch die Annahme einer muttersprachl. determinierten Kognition ( Sprachinhaltsforschung, ð Sapir-Whorf-Hypothese) zu verschmelzen, der Vergangenheit angehört, steht heute der entgegengesetzten »holist.« Auffassung kognitiv determinierter Sprachstrukturen (R. Jackendorff, R.W. Langacker) die Hypothese zweier modularer Kenntnissysteme (z.B.M. Bierwisch & E. Lang) gegenüber. Ein »semimodulares« Modell vertritt M. Schwarz, indem sie die S. als »Schnittstelle« betrachtet, welche konzeptuellen Repräsentationen sprachl. Strukturen zuordnet, so daß sich die konzeptuelle und die semant. Struktur »nur der Form nach, nicht aber in ihrer Substanz« unterscheiden (1992, 98). Mit der Kombination von systemling. Modellbildungen, computerling. Simulationen, psycholing. »off-line«-Experimenten und neuroling. »on-line«Untersuchungen arbeitet die kognitive S. vor allem an zwei Aufgaben: (a) an der Entschlüsselung der Struktur und Funktionsweise des zumeist als Netzwerk (ð Semantisches Netz) modellierten semant. ð Gedächtnisses ( ð Mentales Lexikon 1), wobei dessen Architektur v.a. aus empir. Daten zur lexikal. Aktivierung (ð Sprachwahrnehmung) und Störung (ð Aphasie) erschlossen werden soll; (b) an der Rekonstruktion der »Bedeutungskonstitution« (B. Rieger) bei der Produktion und Rezeption von Texten (ð Textverarbeitung 2). Die hier in Kooperation mit der Forschung zur ð künstlichen Intelligenz gewonnenen Ergebnisse haben das Verständnis für die prozessuale Struktur der Textbedeutung (ð Bedeutung 4) entscheidend vertieft; diese ist i.d.R. nicht einfach ein stat. Gefüge von Propositionen (ð Makrostruktur, ð Textbasis), sondern darauf angelegt, daß Rezipienten mittels ð Inferenzen (2) (Rickheit & Strohner 1985) konzeptuelle Strukturen (mentale Modelle, ð Wissensrepräsentation, ð Schema, ð Scripts, ð Rahmen) aktivieren, die zur Herstellung von ð Textkohärenz und zur Komplettierung des Textsinnes (ð Sinn 6) erforderlich sind.
& Lit. L. Bloomfield, Language. Ldn. 1935. - Ch. W. Morris, Foundations of the Theory of Signs, Chicago 1938. - Ders., Signs, Language, and Behavior. N.Y. 21955. - R. Carnap, Meaning and Necessity. Chicago 1947. - Ders., Einf. in die symbol. Logik. Wien, N.Y. 1954. - S. Ullmann, The Principles of Semantics. Oxford 1957. Dt.: Grundzüge der S. Bln. 1967. - J.J. Katz, Semantic Theory. N.Y. 1972. H. J. Heringer, Prakt. S. Stgt. 1974. - R.M. Kempson, Semantic Theory. Cambridge 1976. - D. Viehweger (u.a.), Probleme der semant. Analyse. Bln. 1977. - J. Lyons, Semantics. 2 Bde. Cambridge 1977. Dt.: S. 2 Bde. Mchn. 1980, 1983. - H. Hörmann, Meinen und Verstehen. Ffm. 1978. - D.R. Dowty, World Meaning and Montague Grammar. Dordrecht 1979. - M. Bierwisch, Semantic Structure and Illocutionary Force. In: J.R. Searle, F. Kiefer & M. Bierwisch, Speech Act Theory and Pragmatics. Dordrecht 1980, 1-35. - H.E. Wiegand & W. Wolski, Lexikal. S. LGL 21980, 199-211. - H.J. Eikmeyer & H. Rieser (eds.), Words, Worlds, and Contexts. Bln. 1981. - R. Jackendorff, Semantics and Cognition. Cambridge, Mass. 1983. - P.A.M. Seuren, Dicourse Semantics. Oxford 1985. - P.R. Lutzeier, Ling. S. Stgt. 1985. G. Rickheit & H. Strohner (eds.), Inferences in Text Processing. Amsterdam 1985. - B. Rieger (Hg.), Dynamik in der Bedeutungskonstitution. Hamburg 1985. - M. Bierwisch & E. Lang, Grammat. und konzeptuelle Aspekte von Dimensionadjektiven. Bln. 1987. - R.W. Langacker, A View of Linguistic Semantics. In: B. Rudzka-Ostyn (ed.), Topics in Cognitive Linguistics. Amsterdam 1988, 49-90. - W. Hüllen & R. Schulze (eds.), Understanding the Lexicon. Tübingen 1988. - HSK 6, 1991. - J. Lyons, Bedeutungstheorien. HSK 6, 1991, 1-24. - D. Wunderlich, Bedeutung und Gebrauch. HSK 6, 1991, 32-52. - G. Fanselow & P. Staudacher, Wortsemantik. HSK 6, 1991, 53-70. - M. Schwarz, Kognitive S.theorie und neuropsycholog. Realität. Tübingen 1992. - M. Schwarz & J. Chur, S. Ein Arbeitsbuch. Tübingen 21996. - A. Wierzbicka, Semantics. Oxford, N.Y. 1996. - J. Aitchison, Wörter im Kopf. Tübingen 1997. - Weitere Lit. ð Bedeutung, ð Semasiologie. RB

^ Semantische Relation
(auch: Bedeutungsbeziehung) Oberbegriff für intensionale Beziehungen (ð Intension) zwischen Lexemoder Satz-Einheiten.
1. Paradigmat. »Sinnrelationen« (Lyons 1963, 1977) der Über-/Unterordnung (ð Hyperonymie, ð Hyponymie, ð Partonymie), der Übereinstimmung (ð Homoionymie, ð Synonymie) und des Gegensatzes (ð Antonymie, Inkonymie bzw. ð Inkompatibilität, ð Komplementarität, ð Konversion); man definiert sie u.a. mit Hilfe log. Operationen wie ð Implikation und ð Negation. Die Analyse aller s.R. eines (virtuellen) ð Wortfelds expliziert dessen semant. Struktur sowie den semant. »Wert« (»valeur«, de Saussure 1916) seiner Elemente. Die gleichen Begriffe lassen sich ebenfalls auf die Relationen kontextuell determinierter Bedeutungen anwenden (Lyons 1963: »kontextuelle Synonymie«). Dies ist möglich, da sich die Untersuchung von s.R. sowohl im aktuellen wie im virtuellen Fall auf monoseme Bedeutungen (ð Semem, ð Disambiguierung) bezieht und lexikal. Mehrdeutigkeit (ð Ambiguität, ð Vagheit) ausgespart wird.
2. Syntagmat. Sinnrelationen wurden von Porzig (1934) und Coseriu (1967) i.S. bevorzugter ð Kollokationen von Prädikaten und Ergänzungen beschrieben, z.B. Blond ist: Haar. Es fällen: Menschen Bäume. Die ältere generative Sprachtheorie (z.B. Katz & Fodor 1963, Chomsky, Aspects) erfaßt sie dagegen unter restriktivem Aspekt: Selektionsmerkmale von Verben beschränken die Wahl von Komplementen und verhindern die Generierung von Sätzen wie *Der Aufsatz trinkt Steine; ð Selektionsbeschränkung. < br> & Lit. E. Coseriu, Lexikal. Solidaritäten. Poetica 1, 1967, 293-303. - J. Katz & J.A. Fodor, The Structure of a Semantic Theory. Lg. 39, 1963, 170-210. - J. Lyons, Structural Semantics. Oxford 1963. - J. Lyons, Semantics. Vol. 1. Cambridge 1977. - W. Porzig, Wesenhafte Bedeutungsbeziehungen. PBB 58, 1934, 70-97. - De Saussure, Cours. RB

^ Semantischer Prozeß
Bei U. Weinreich der regelgeleitete Prozeß, den generalisierte ð Phrasemarker bei der semant. Interpretation durchlaufen. Er besteht aus zwei Komponenten: (a) Der Kalkulator verteilt ð semantische Merkmale entlang dem Phrasemarker (ð Projektionsregel), überträgt kontextuelle Merkmale, tilgt Redundantes und kennzeichnet Widersprüchliches. (b) Der Evaluator bewertet die Normalität des Satzes und blockiert ggf. die Interpretation.
& Lit. U. Weinreich, Erkundungen zur Theorie der Semantik. Tübingen 1970. RB [Lexikon Sprache: Semantische Komponente, S. 1 ff. Digitale Bibliothek Band 34: Metzler Lexikon Sprache, S. 8539 (vgl. MLSpr, S. 620 ff.) (c) J.B. Metzler Verlag]

^ Semantisches Merkmal
(auch: ð semantische Komponente. Engl. semantic feature) In der ð strukturellen Semantik der kleinste Bestandteil von Lexembedeutungen. Als ð Seme sind s.M. minimaldistinktive Einheiten, die bei einer einzelsprachl., ð semasiolog. Analyse von lexikal. Paradigmen, Kollokationen und Bedeutungsvarianten (ð Semem) gewonnen werden: Pfanne1 [Gefäß, zum Braten] - Pfanne2 [Fleischgericht, gebraten] - Pfanne. 3...i. Topf1 [Gefäß, zum Kochen] Topf2 [Gefäß, zum Aufbewahren] - Topf3...i. Femer können auch paradigmaübergreifende generelle S.M. (ð Klassem, ð Semantic marker) abstrahiert werden: z.B. [± menschlich] oder [± zählbar]. Eine derartige Notation betont den metasprachl. Status des s.M., zeigt aber auch seine Bindung an die einzelsprachl. Lexik sowie an deren denotative (und konnotative: Pott [norddt.], [ugs.]) Funktion. Demgegenüber gelten s.M. in onomasiolog. Perspektive als außereinzelsprachl. Elemente eines Begriffsystems, als interlinguale ð Noeme oder begriffl. ð Komponenten interkulturell vergleichbarer Klassifikationen (z.B. von Verwandtschaftsbeziehungen). Oft wird für s.M. (bes. im Umkreis ð generativer und ð kognitiver Sprachtheorien) der Anspruch erhoben, sie seien universale, möglicherweise konzeptuelle Größen; und ferner: alle einzelsprachl. Sememe seien dekomponierbar in eine begrenzte Menge »atomarer« semant./konzeptueller Bausteine (so schon in Hjelmslev (1943) Kombinatorik einster figurae). Massive Kritik an den s.M. betraf v.a. die zugrundeliegende strukturalist. Konzeption eines homogenen Systems statischer, kontext- und variationsfreier, aus einer »check-list« definitor., zumeist ð binärer M. bestehender Bedeutungen, Wenn man hingegen s.M. als multidimensional (individuell, situativ, stilist. etc.) variable Gebrauchsbedingungen (Lüdi 1985) auffaßt, die sich außer(einzel)sprachl. Korrelaten unterschiedl. Art, Dimension, Komplexität etc. je unterschiedl. zuordnen lassen, wenn man deshalb keine starre Dichotomie zwischen ð distinktiven und enzyklopädischen M. postuliert und Distinktivität eher als Funktion bestimmter Gebrauchskontexte ansieht, wenn man ferner Abstufungen ihrer Relevanz zuläßt und zumindest zwischen »definierenden« und »charakterisierenden/stereotypen« M. differenziert (ð Prototyp, ð Vagheit): dann bleiben s.M. theoret. und prakt.-lexikograph. unverzichtbare Bestandteile der semant. Beschreibung; ð Klassem, ð Noem, ð Sem, ð Semem, ð Komponentenanalyse, ð Strukturelle Semantik.
& Lit. L. Hjelmslev, Prolegomena zu einer Sprachtheorie. ( Kopenhagen 1943) Mchn. 1974. - K. Heger, Monem, Wort, Satz und Text. Tübingen 1976. - H. Henne, Semantik und Lexikographie. Bln., N.Y. 1972. - W. Lorenz & G. Wotjak, Zum Verhältnis von Abbild und Bedeutung. Bln. 1977. - E. Coseriu & H. Geckeler, Trends in Structural Semantics. Tübingen 1981. - G. Lüdi, Zur Zerlegbarkeit von Wortbedeutungen. In: C. Schwarze & D. Wunderlich (Hgg.), Hdb. der Lexikologie. Königstein 1985, 64-102. - Th. Schippan, Lexikologie der dt. Gegenwartsspr. Tübingen 1992. RB

^ * Semantisches Feld
Semantisches Feld entsteht unter folgenden Bedingungen: a) alle Wörter müssen dem gleichen SPrachsystem angehören b) alle Wörter müssen den gleichen Wortklassen angehören c) jedem Wort des Feldes muss im Lexikonein Inhalt zugeordnet werden können, der mit den Inhalten aller anderer Wörter der Gruppe mindestens ein §_semantisches Merkmal gemeinsam hat. Es gibt drei Arten von semanischen Feldern: - hierarchische, wenn sie ein §_Hyperonym: Möbel - Stuhl, Schrank, Tisch, ... - nicht hierarchische: Mutter, Vater, Sohn, Onkel, Oma, ... (ohne Hyperonym) -antonyme (komplementäre) Wortpaare: groß - klein, ... ein semantisches Feld wird beschrieben durch die Festlegung eines Kontextes, innerhalb dessen den AusdrückenInhalte zugeordnet werden, die feldintern sind: Bank (Geld einzahlen) versus Bank (sich darauf setzen und ausruhen).

^ Semasiologie
(griech. snmasia (semasia) ›das Bezeichnen; Zeichen‹ Auch: Bedeutungslehre)
1. Geprägt von Ch. K. Reisig (1839) zur Bez. einer auf den ð Bedeutungswandel konzentrierten »Bedeutungslehre«, blieb der Terminus ›S.‹ in diesem Sinne gebräuchl. im 19. Jh. und in der 1. Hälfte des 20. Jh., hier allerdings in Konkurrenz mit dem jüngeren synonymen Ausdruck ð Semantik, der sich zunächst außerhalb der Sprachwiss. durchsetzte, wegen der dort entwickelten Nebenbedeutungen jedoch von Linguisten oft als zu uneindeutig abgelehnt wurde. So hält Th. Schippan bis 1975 an der Bez. ›S.‹ für eine Wiss. von der Wortbedeutung fest, die (schon bei H. Kronasser 1952) ihre diachronische Ausrichtung in die ð Synchronie ausgeweitet, die Einzelwort-Perspektive durch die Analyse von ð Wortfeldern ersetzt, die älteren log. und psycholog. durch kultur- und sachbezogene ( ð Wörter und Sachen, ð Onomasiologie) Untersuchungsmethoden ergänzt und sich (in den 1960er Jahren) mit der strukturellen Merkmalsanalyse angefreundet, kurz: sich zur ð Lexikologie bzw. ð lexikalischen Semantik entwickelt hatte.
2. In deren Rahmen überlebt der Terminus ›S.‹ zur Bez. eines method. Teilbereichs, nämlich der (synchronen und diachronen) Untersuchung von lexikal. ð Bedeutungsstrukturen - im Ggs. zur onomasiolog. Fragestellung nach den lexikal. Bezeichnungsmöglichkeiten für außersprachl. gegebene ›Gegenstände‹. Die strukturelle S. ermittelt die Gesamtbedeutung ( ð Signifikat) von ð Lexemen, analysiert sie in ð semantische Merkmale (ð Sem) und strukturiert sie ggf. zu einem semasiolog. ð Paradigma aus Teilbedeutungen (ð Semem), beschreibt dessen interne Relationen (ð Polysemie, ð Homonymie, ð Multisemie) sowie die externen Relationen (z.B. ð Synonymie, ð Hyponymie) der Sememe innerhalb der onomasiolog. Paradigmen (Wortfelder), denen sie angehören. Die lexikograph. Darbietungsform semasiolog. Wortschatzbeschreibungen ist das alphabet. Wb.
& Lit. Ch. K. Reisig, Vorlesungen über lat. Sprachwiss. Lpz. 1839. - H. Kronasser, Hdb. der S. Heidelberg 1952. - K. Baldinger, Die S. Versuch eines Überblicks. Bln. 1957. - Ders., Sémasiologie et onomasiologie. RLR 28, 1964, 249-272. - H.E. Wiegand, Synchron. Onomasiologie und Semasiologie. GermL 3, 1970, 243-384. - H. Henne, Semantik und Lexikographie. Bln., N.Y. 1972. - Th. Schippan, Einf. in die S. Lpz. 1972, - 21975. - K. Heger, Monem, Wort, Satz und Text. Tübingen 21976. - W. Bahner (u.a.) (Hgg.), Aspekte und Probleme semasiolog. Sprachbetrachtung in synchron. und diachron. Sicht. Bln. 1983. - Th. Schippan, Lexikologie der dt. Gegenwartsspr. Tübingen 1992. RB

^ Semem n.
(frz. sème ›Zeichen‹, Virtualitäts-Suffix -em; ð emisch)
1. Im von A. Noreen (1923) eingeführten und von L. Bloomfield (Language, N.Y. 1933) adaptierten Sinn: virtuelle Bedeutung eines Zeichens/Morphems; ð Signifikat.
2. Ebenso bei B. Pottier (1964) und A.J. Greimas (1966), aber gedacht als »ensemble de sèmes« (ð Sem), bei Greimas mit der Unterscheidung von »Kern«- und »Kontext«-Semem.
3. Seit K. Heger (1964) und G.F. Meier (1964) allgemein akzeptierter Terminus für die Teilbedeutungen nicht-monosemer Lexeme: Bei ihnen gliedert sich das Signifikat nach Heger (1976, 42) in disjunkte S., die ihrerseits Sem-Konjunkte (und in vielen Fällen, z.B. bei Verben, strukturierte Sem-Konfigurationen) bilden. In noemat. Perspektive (Meier 1964) sind S. sprachspezif. Kombinationen konzeptueller ð Noeme. Über ihre S. sind polyseme (ð Polysemie) Lexeme i.d.R. in unterschiedl. lexikal. Paradigmata integriert (ð Hyponymie, ð Hyperonymie); ð lexikalische Bedeutung.
& Lit. A. Noreen, Einf. in die wiss. Betrachtung der Spr. Halle 1923. - K. Heger, Monem, Wort, Satz und Text. Tübingen 1976. Weitere Lit. ð Strukturelle Semantik, ð Sem, ð Noem. RB

^ Volksetymologie Beisp.
(auch: Pseudoetymologie, Remotivation. Engl. folk, popular etymology, frz. etymologie populaire) Häufig abschätzig bewertete Form der ð Etymologie, durch die ein in seiner Herkunft undurchsichtiges Lexem bzw. ein Lexembestandteil inhaltl. gedeutet und/oder nach dem Vorbild eines Lexems bzw. Lexembestandteils mit ähnl. Form und/oder Bedeutung umgeformt wird und dadurch eine relative Motiviertheit erfährt. So wird z.B. ahd. mûlwerfo ›Haufenwerfer‹, mhd. moltwerf/mûlwerf/mûlwurf ›Erdwerfer‹ volksetymolog. umgedeutet und umgeformt zu nhd. Maulwurf oder mhd. sin(t)vluot ›andauernde/umfassende Flut‹ zu Sündflut.
& Lit. K.G. Andresen, Über dt. V. Lpz. 71919. - G. Antos, Laien-Linguistik. Tübingen 1996. - H. Olschansky, V. Tübingen 1996 (mit einer annotierten Bibl. von rd. 3000 Titeln). SH

^ Wortfamilie
(auch: Wortsippe. Engl. word family, frz. famille des mots) Während ein ð Wortfeld durch einen gleichen bzw. ähnl. Inhalt einer Menge formal verschiedener Wörter bzw. Lexeme konstituiert wird, ist es im Falle der W. primär die Form, durch die einer Menge von komplexen Wörtern bzw. Lexemen eine (gleichsam verwandtschaftl.) Zusammengehörigkeit bescheinigt wird. Solche Verwandtschaft, die sich in einem gleichen oder ähnl. ð Wortstamm, ð Grundmorphem bzw. Bauelement ausdrückt, wird zum einen streng diachron, d.h. ausschließl. mit Hilfe der ð Etymologie begründet, zum anderen nach dem Kriterium der relativen ð Motiviertheit. Streng diachron betrachtet gehören zu einer W. alle Wörter bzw. Lexeme, die sich auf dieselbe etymolog. ð Wurzel zurückführen lassen, d.h.z.B. im Falle des Grundmorphems {fahr} neben fahren, abfahren, nachfahren, Fahrt, Gefährt auch führen, Fuhre, Furt, Förde. Nach dem (synchron begründeten) Kriterium der relativen Motiviertheit zählen zu einer W. (nur) solche Wörter bzw. Lexeme, die nach dem Prinzip der Durchsichtigkeit (für etymolog. nicht geschulte Sprachteilhaber) formal erkennbar zusammengehören. Danach gehören führen, Fuhre, Furt, Förde nicht zur W. von fahren, danach werden andererseits Wörter bzw. Lexeme zu W. gerechnet, auch wenn sie aufgrund ihrer ð Etymologie anderer Herkunft sind, wie z.B. Kreisel (ehem. Kräusel) zur W. von {kreis}, und zwar in Analogie zu kreisen; ð Etymologie, ð Volksetymologie, ð Etymologisches Wörterbuch, ð Wortbildung, ð Wortfamilienwörterbuch.
& Lit. G. Augst, Motivationstypen und diasystemat. Differenzierung der semant. Motiviertheit. In: E. Bremer & R. Hildebrandt (Hgg.), Stand und Aufgaben der dt. Dialektlexikographie. Bln., N.Y. 1996, 17-28. - G. Augst, Wort - Wortfamilie - Wortfamilienwörterbuch. In: F.-J. Berens & R. Wimmer (Hgg.), Wortbildung und Phraseologie. Tübingen 1997, 89-113. Weitere Lit. ð Wortfamilienwörterbuch. SH

^ Wortfeld Beisp.
(auch: Bedeutungsfeld, Begriffsfeld, Sachfeld, lexikalisches Feld, Sinnbezirk. Engl. lexical field, frz. champ lexical) Im Ggs. zur ð Wortfamilie, bei der ein gleicher bzw. ähnl. Stamm die Zusammengehörigkeit verschiedener Wörter bzw. Lexeme begründet, handelt es sich beim W. um eine Menge von partiell synonymen Wörtern bzw. Lexemen, d.h. Lexemen mit einem gleichen bzw. ähnl. Inhalt bzw. Bedeutungskern. So bilden z.B. die Lexeme sterben, verscheiden, erfrieren, verhungern, abkratzen u.a. das W. ›Zuendegehen des Lebens‹, die Lexeme laufen, rennen, wandern, pilgern, spazieren, schlendern u.a. das W. ›Fortbewegung‹. In Fällen, in denen es sich um eine Menge gleichgearteter und/oder gleichfunktionaler Gegenstände bzw. Sachen handelt, spricht man bisweilen auch von »Sachfeld«, z.B. beim Feld ›Sitzmöbel‹: Stuhl, Hocker, Schemel, Sessel, Bank, Sofa u.a. Grundgedanke der Theorie vom W. ist die Hypothese, daß (a) sich der gesamte Wortschatz einer Spr. in Felder ordnen läßt (Prinzip der Ganzheit), daß (b) die zu einem Feld gehörenden Lexeme dessen Bedeutungsspektrum lückenlos abdecken (Prinzip der Lückenlosigkeit), daß (c) die Lexeme eines Feldes eine Hierarchie bilden (Prinzip der hierarch. Ordnung) und daß (d) sich die Bedeutungen der Lexeme eines Feldes wechselseitig bestimmen (Prinzip der wechselseitigen Bedeutungsbestimmung). Gängige Methode zur Ordnung und Differenzierung von W. ist die Merkmalanalyse, wie sie etwa von Baumgärtner (1967), Hundsnurscher (21971) oder Coseriu (1979) vorgeführt wird. So wird z.B. das bedeutungsunspezif. Lexem sterben etwa spezifiziert durch die Merkmale › durch Mangel an Nahrung‹ (verhungern), ›durch Mangel an Flüssigkeit‹ (verdursten), ›durch Mangel an Luft‹ (ersticken), ›durch Mangel an Blut‹ (verbluten) oder durch die Merkmale ›durch Einwirkung von Kälte‹ (erfrieren), ›von Hitze‹ (verbrennen). So umstritten auf der einen Seite Methoden und Ergebnisse der bisherigen W.theorie sind, so kommt ihr auf der anderen Seite ohne Zweifel das Verdienst zu, einen wichtigen Beitrag zur Aufdeckung und Beschreibung der zwischen den Lexemen des Wortschatzes bestehenden semant. Beziehungen geleistet zu haben; ð Onomasiologie, ð Semantik, ð Synonymie.
& Lit. J. Trier, Der dt. Wortschatz im Sinnbezirk des Verstandes. Die Geschichte eines sprachl. Feldes. I. Heidelberg 1931. - K. Baumgärtner, Die Struktur des Bedeutungsfeldes. In: Satz und Wort im heutigen Dt. Ddf. 1967, 165-197. - E. Coseriu, Lexikal. Solidaritäten. Poetica 1, 1967, 293-303. - R. Hoberg, Die Lehre vom sprachl. Feld. Ddf. 1970. - F. Hundsnurscher, Neuere Methoden der Semantik. Tübingen 21971. - H. Geckeler, Strukturelle Semantik und W.theorie. Mchn. 1971. - L. Schmidt (Hg.), W.forschung. Zur Geschichte und Theorie des sprachl. Feldes. Darmstadt 1973. - J. Trier, Aufsätze und Vorträge zur W.theorie. Darmstadt 1973. - E. Coseriu, Zur Vorgeschichte der strukturellen Semantik: Heyses Analyse des W. ›Schall‹. In: Ders., Sprache - Strukturen und Funktionen. Tübingen 1979, 149-159. - G.L. Karcher, Kontrastive Untersuchung von W. im Dt. und Engl. Ffm. 1979. - P.R. Lutzeier, Wort und Feld. Tübingen 1981. - H. Schumacher (Hg.), Verben in Feldern. Valenzwb. zur Syntax und Semantik dt. Verben. Bln. 1986. - P.R. Lutzeier (Hg.), Studien zur W.theorie. Tübingen 1993. SH

^ Wortschatz
(auch: Lexik, Vokabular, Wortbestand. Engl. vocabulary, frz. vocabulaire) Gesamtheit der ð Wörter bzw. ð Lexeme einer Spr. bzw. einer Sprachgemeinschaft (zu einem bestimmten Zeitpunkt), die damit das ð Lexikon (1) dieser Spr. bilden. Für das Ahd. rechnen wir mit einem durch Quellen belegten W. von rd. 32000 Wörtern, für das Mhd. mit einem W. von rd. 90000 und für das Frühnhd. mit einem W. von rd. 150000 Wörtern. Strittig ist, wie sich die jeweilige Gesamtheit zusammensetzt, was jeweils als Element zu zählen ist. Das zeigen quantitative Angaben über den W. der dt. Gegenwartsspr., die zwischen 300000 und 500000 Lexemen schwanken. Unklar ist z.B., in welchem Umfang mitgezählt werden: ð Ableitungen und ð Komposita sowie fachsprachl., sondersprachl., regionale lexikal. Einheiten. Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm enthält rd. 500000 Stichwörter bzw. ð Lemmata; neuere große Wbb. der dt. Gegenwartsspr. enthalten 100000 bis 200000 Lemmata. Der allgemein gebräuchl. W. der dt. Standardspr. umfaßt rd. 75000, der aktive W. des einzelnen Sprechers im Durchschnitt rd. 8-10000 Wörter. Der W. ist einerseits Gegenstand der ð Lexikologie, die ihn in Hinblick auf seine Geschichte, Zusammensetzung und Struktur untersucht und beschreibt, andererseits Gegenstand der ð Lexikographie, die ihn in jeweils bestimmten Ausschnitten in ð Wörterbüchern erfaßt. Wie entsprechende Wbb.typen zeigen, läßt sich der W. einer Spr. nach verschiedenen Gesichtspunkten gliedern: (a) nach Sprachstadien (z.B. ahd., mhd., frühnhd., nhd.), (b) nach Herkunft (Erbwortschatz vs. entlehnter W.; ð Entlehnung), (c) nach ð Varietäten (z.B. standard-, regional-, sonder-, fachsprachl. W.), (d) nach Häufigkeiten des Gebrauchs in Texten (ð Frequenzwörterbuch, ð Grundwortschatz), (e) nach Bildungstypen (ð Simplex vs. ð Ableitung, ð Komposition, ð Wortfamilie), (f) nach Bedeutungsgruppen bzw. ð Wortfeldern. Umstritten ist, wie W. und ð Grammatik als die beiden Hauptkomponenten des ð Sprachsystems aufeinander bezogen bzw. miteinander verschränkt sind. Zwar existieren aus eher prakt. Gründen Grammatiken und Wbb. nebeneinander, es ist aber offenkundig, daß eine strikte Trennung künstl. ist: Wbb. enthalten in großem Umfang grammat. Angaben, Grammatiken präsentieren in großem Umfang Lexik, sind bei der Darstellung von Morphologie und Syntax auf die Einbeziehung von Lexik notwendig angewiesen. Während jüngere Grammatiktheorien ( wie etwa die Generative Grammatik) postulieren, daß die Grammatik das Lexikon als Komponente einschließt, wird innerhalb der ð Wörterbuchforschung die These vertreten, die gesamte Grammatik ließe sich durchaus im Wb. darstellen.
& Lit. F. Dornseiff, Der dt. W. nach Sachgruppen. Bln. 61965. - E. Schwarz, Kurze dt. Wortgeschichte. Darmstadt 1967. - Wehrle-Eggers: Dt. W. Stgt. 131967. - E. Coseriu, Einführung in die strukturelle Betrachtung des W. Tübingen 21973. - M.D. Stepanowa, Methoden der synchronen W.analyse. Mchn. 1973. - O. Reichmann, Germanist. Lexikologie. Stgt. 21982. - A. Dauses, Grundbegriffe der Lexematik. Methoden und Probleme der W. - Betrachtung in Synchronie und Diachronie. Stgt. 1989. - G. Harras (Hg.), Die Ordnung der Wörter. Kognitive und lexikal. Strukturen. Bln., N.Y. 1995. - Duden, Gr5, 540-589. - I. Pohl & H. Ehrhardt (Hgg.), Wort und Wortschatz. Tübingen 1995. SH

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