Mosty a prostředníci — koberce, houskové knedlíky a produktivní nepokoj. Figury česko-německých literárních vztahů v prvorepublikovém Československu

Title in English Bridges and intermediaries - carpets, bread dumplings and productive unrest. Figures of Czech-German literary relations in the First Czechoslovakia
Authors

BUDŇÁK Jan

Year of publication 2019
Type Chapter of a book
MU Faculty or unit

Faculty of Arts

Citation
Description Gegenüber der traditionell gepflegten, heute nicht mehr haltbaren, auf Prämissen strikter Trennung und gegenseitiger Nichtbeachtung zwischen deutschsprachiger und tschechischsprachiger Literatur beruhenden Perspektive auf das literarische Feld der Ersten Republik wird seit den 1990er Jahren eine andere Sichtweise intensiv gepflegt, die den „Brückenbauern“ und den „Mittlern“ zwischen den Literaturen wie Max Brod, Otto Pick, Paul/Pavel Eisner oder Rudolf Fuchs besondere Beachtung schenkt. Exemplarisch für diesen Blickwechsel sind Konferenztitel wie Prag — Literaturstadt zweier Sprachen und vieler Mittler (2009) oder Scott Spectors gewagtes Konzept einer middle nationPrager deutschjüdischer Kulturübersetzer (Prague Territories, 2000). Eigentümlicherweise ergänzen sich jedoch die von Grenzen und die von der Vermittlung ausgehende Perspektive auf das literarische Feld der Ersten Republik gegenseitig, indem die letztere als Ausnahme von der „Regel“ der ersteren gesetzt wird. Gegen diese liaison dangereusewendet sich die trans- bzw. interkulturelle Betrachtung der literarischen Landschaft der Böhmischen Länder, die um eine Ausdifferenzierung kultureller Beziehungen in der gemeinsamen Region über sprachliche und kulturelle Grenzen hinaus bestrebt ist. Mosty a prostředníci — koberce, houskové knedlíky a produktivní nepokoj 133 Als Beitrag dazu versteht sich die vorliegende Studie, die von zwei — aus zeitgenössischer sowie aus heutiger Sicht — Bildern ihren Ausgang nimmt, die zur Beschreibung des deutsch-tschechisch-jüdischen (so die übliche Formel) kulturellen bzw. literarischen Kontakts in den Böhmischen Ländern in Anschlag gebracht werden: dem der Brücke und dem der Vermittlung. Im Text werden zunächst die häufig zitierten einschlägigen Äußerungen von Scott Spector (middle nation), Paul Eisner bzw. Franz Spina (Symbiose) kurz wiedergegeben und einer nicht überraschenden Kritik hinsichtlich ihres nationalpsychologischen Essenzialismus unterzogen, der zwangsläufig zur Festigung von nationalen Narrativen führt. Der Schwerpunkt der Studie liegt allerdings auf weniger bekannten Texten (von z. T. denselben Autoren!), die sich ebenfalls als Versuche verstehen lassen, die Verhältnisse im mehrsprachigen literarischen Feld der Böhmischen Länder zwischen 1918 und 1938 auf den Punkt zu bringen. Der andere Satz von Metaphern bzw. bildhaften Denkfiguren, der diesen Texten entnommen wird, ist um Vieles offener gegenüber Phänomenen wie Verflechtung, Hybridität, multiplen Identitäten usf. In seinem Essay Snob contra Symbiosevariiert bspw. Paul Eisner den seiner Zeit stürmisch begrüßten und heute nur noch mit Kopfschütteln rezipierten Begriff der Symbiose dahingehend, dass diese nicht bloß als erotische Anziehungskraft zwischen gettoisierten, allzu zerebralen Deutschen bzw. Juden und ihren tschechischen Geliebten verstanden wird, sondern als leibliche Gegebenheit — vergegenständlicht als eine Art allböhmischer Semmelknödel –, bei der es einzig darauf ankommt, wie sie von jedermann reflektiert wird. Franz Spina, ein anderen berühmter „Symbiotiker“, prägte wiederum als alternatives Bild für das Mit- und Ineinander von Tschechen und Deutschen in der Tschechoslowakei die Metapher des „ineinander verwobenen, bunten“ Teppichs, der nicht zerschnitten werden kann, ohne die kostbarsten Muster zu zerstören. Als weniger schematische Alternativen zum Zweigespann aus kultureller Grenzziehung und kulturellem Mittlertum lassen sich auch weitere Bilder verstehen, die in der vorliegenden Studie besprochen werden, z. B. Otto Picks Gesamtcharakteristik der Deutschen Erzähler aus der Tschechoslowakei, die „vornehmlich dort deutsch“ seien, „wo nichtdeutsche Wesen geschildert, wo Erlebnisse nichtdeutscher Menschen künstlerisch gestaltet werden“ oder Rudolf Fuchs’ Rezept zur Einigung aller tschechoslowakischer Literaturen auf der Basis des sozialkritischen Schreibens.